Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Fritz Engel
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 567 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Engel Ein Humanist ist gestorben: wir haben Fritz Engel begraben- 40 Jahre hat er dem Geist gelebt und für ihn gestritten. 40 Jahre hat er das heilige Feuer der Klassik gehütet und. sich an ihm für die Jungen entzündet, denen sein kluges, klares Wort, gesprochen im literarischen Teil einer gewichtigen deutschen Zeitung, den Weg ebnete. Hauptmann und Reinhardt, Repräsentanten deutschen literarischen und künstlerischen Schaffens haben ihm viel zu danken. Sein literarisches Urteil war Tausenden Führer, liebenswürdiger und verantwortungsvoller Führer. Man empfand: hier sprach einer, dem es sehr ernst war um das Gute, Wahre und Schöne, dem er dienen durfte. Nie hat er beckmesserisch genörgelt und niemals um der Geistreichelei willen ironisiert, obwohl ihn die Tätigkeit als Redakteur des Witzblattes „Ulk" dazu hätte verführen können. Er hat seine Worte nie geküßt wie mancher, dem die eigene Pointe wichtiger war als Dichter und Darsteller, um deren Werk es ging. Mußte er rügen, so spürte man Zögern und Bedauern, das aus seiner reinen Menschlichkeit floß. Seine Kritik war Aufbau. Er war geradezu der Gegentyp des zersetzenden und destruktiven Elements, zu dem jüdische Menschen im deutschen kulturellen Wirkungskreis verallgemeinernd gestempelt wurden. Der deutsche literarische Schaffensraum war ihm legitim, er trat in ihn und wirkte darin selbstverständlich und unproblematisch; denn dem Breslau er jüdischen Kaufmannssohn war deutsche Heimat und deutsche Dichtung so sehr Teil seines Wesens, daß er „niemals in seinem Leben einen Gegensatz zwischen seinem Deutschtum und seinem Judentum empfunden hat", wie er es in der Sammelschrift „Protest deutscher Juden gegen den Kommunismus" ausdrückte. Sein Judentum war ihm nicht lästiges Erbe, das er als gerader Mensch nur eben tragen mußte: er hat es kämpferiscn und glühend bekannt und gedichtet. Auf der Höhe seines Lebens sah er sich in der Kleiststiftung zum Prüfer und Förderer junger Talente bestellt, von seinen Standesgenossen zum Führer erhoben, in seiner glückhaft geeinten Zwienatur allgemein anerkannt, geehrt und bestätigt. Sein Leben schien erfüllt. Da traf ihn in seinen beiden letzten Jahren der Schmerz um die Verweisung aus Bezirken, die ihm heilig und wesenseigen waren, in denen er still und pflichttreu gewaltet und die ihm noch eben der Beifall der Standesgenossen zugewiesen hatten. Man pflegt einen Lebensausgang glücklich zu nennen, der zur rechten Zeit erfolgt. Aber Fritz Engel hat sich nicht als Kind einer überwundenen Epoche gefühlt. Sein Humanismus, der aus jüdischen und deutschen klassischen Quellen floß, ließ ihn an die Ewigkeitsgettung der Idee glauben, unter der sein Leben stand. Hans Reichmann Stefan Zweig, Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam. Wien 1935, H. Reichner Verlag Die Wahl, die Erasmus zum Helden einer Biographie bestimmt, zeugt von der demütigen Gewißheit eines ganz seiner Sache ergebenen Schriftstellers; denn Erasmus ist kein Held, dem die Herzen zufallen und keiner, dessen physisch-geistige Züge uns heute noch so unvermittelt an- 567