Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Allerlei vom Monat
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 520 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wer diese, in amerikanisch-jüdischen Blättern erschienene Geschichte liest, denkt iniwillkürlich an das Wort des verstorbenen Schriftstellers Moritz Heimann: „Was ein auf die einsamste, unzugänglichste Insel verschlagener Jude noch als Judenfrage anerkennt, das einzig ist sie." In der Tat: ist das die Judenfrage? Herr Offendahl böte eine günstige Möglichkeit, diesen Satz auf seinen Wahrheitsgehalt zu prüfen. Er hat sich aber darüber, soweit bekannt, nicht zu seinem Besucher geäußert. Aber es geht nicht darum. Wir betonen auch nicht, daß Herr Offendahl eigentlich schon allein deshalb ein glücklicher Mann sein müßte, weil er seit 17 Jahren keine Zeitung gelesen hat. Für uns ist nur immer wieder wichtig zu wissen, daß das Menschliche, Allzumenschliche stets im Kampfe mit den Erfordernissen des Gemeinschaftslebens liegt. So ist es aber immer: erschütterndes Geschick der Gemeinschaft bricht erst dann eigentlich in unser persönliches Leben ein, wenn wir davon bis zum Letzten und Tiefsten betroffen, wenn wir ganz davon erfaßt und aus unserer Bahn geworfen worden sind. Wer nicht davon betroffen worden ist oder wer nur vom Hörensagen erfahren hat, was dieses Gemeinschaftsschicksal bedeutet, der — hat noch eine kleine Nebenbeschäftigung. Wir alle vergessen rasch und viel; viel zu vieL Und nur die Not, die große, schreckliche Not stößt uns wieder auf die Begegnung mit jüdischem Schicksal. * Die Not ist groß. Sie ist es nicht nur bei den deutschen Juden. Auch die polnische Judenheit hat bei der Eigenartigkeit ihrer wirtschaftlichen und soziologischen Struktur schwer unter der Wirtschaftskrise zu leiden. Menschen stehen vor dem Nichts. Sie haben keine Hoffnung mehr. Viele machen ihrem Leben ein Ende. Unter den Juden in Polen ist heute eine Selbstmordepedemie ausgebrochen. In Warschau haben sich die Selbstmörder verschiedentlich ein viele Stockwerke hohes Geschäftsgebäude ausgesucht, um mit dem Erdendasein abzuschließen. Aus dem Fenster der höchsten Etagen stürzten sie sich auf die Straße hinab. Daß dies nicht ohne Schrecken und Aufregungen für die Bewohner des Hauses abging, ist erklärlich. Es wird berichtet, daß viele von ihnen Herzattacken und Nervenchoks bekamen. Selbstverständlich ist so etwas nicht angenehm. Deshalb versammelten sich die Mieter und protestierten gegen die Benutzung des Hauses durch die Selbstmordkandidaten. Man verlangte, daß die Fenster der obersten Stockwerke vergittert würden, damit sich niemand auf die Straße hinabwerfen könne. Die Verwaltung des Hauses ist diesem Verlangen auch nachgekommen. Die Mieter haben jetzt ihre Ruhe. So also sind die Menschen: das erschütternde Leid des Nächsten wird als unwillkommen und störend empfunden, wenn es unmittelbar in das eigene Dasein eingreift. Deshalb bildet sich eine Mietergemeinschaft gegen die Selbstmordepedemie, und man ruft nach den vergitterten Fenstern. Der Alltag verlangt auf jeden Fall sein Recht. Er ist heilig. Das Leben geht weiter, immer weiter. . . sicher aber auch die Selbstmorde unter den Juden Warschaus. Und das trotz vergitterter Fenster. Arno Herzberg 520