Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Das Handwörterbuch der Soziologie [Rezension]
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 519 (sequence 2)
- Language
- German
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alle aufgehäuften Einzelfragen sinnvoll zusammenzufassen und einzuordnen, verlangt von den Mitarbeitern starke Formkraft und denkerische Zucht. So ist die durch straffe Gliederung des Stoffes entstandene Architektur zugleich der einzig sinnvolle Schmuck dieser Artikel, die, äußerlich sachlich und ruhig, doch einen starken inneren Anteil der Verfasser verraten. Wer könnte auch innerlich kalt bleiben bei der Schilderung des Kapitalismus (Sombart) und seiner Träger: des Bürgertums (Meusel) und des Proletariats (Briefs); des Bolschewismus (Grabowsky) und des Fascismus (Beckerath)! Verschiedene Kulturen sind zum Vergleich nebeneinandergestellt, die des Mittelalters und der Renaissance (Martin), der Aufklärung (B. von Wiese) und der Gegenwart (Vierkandt). Einen breiten Raum nehmen die „Bindestrich-Soziologien" ein, die den soziologischen Gehalt einzelner Sphären wie „Recht" (Kraft), „Religion" (Wach), „Literatur und Kunst" (Ziegenfuß), „Wirtschaft" (Sombart), „Pädagogik" (Fischer), „Rasse" (Herz) u.a. untersuchen. Die wichtige Frage nach der Übereinstimmung von Sein und Bewußtsein, von Denk- und Lebensform und nach den politischen Voraussetzungen des Wissens behandelt Mannheims „Wissenssoziologie". Arbeiten über „Familie" (Koppers, Tönnies), „Volk und Nation" (Mitscherlich), „Gemeinschaft und Gesellschaft" (Tönnies, Geiger), „Stadt" (Sombart) und „Land" (L. von Wiese) schließen sich an. Die Artikel des Handwörterbuchs zeigen bereits in den Themen ihre Wichtigkeit auch für die gegenwärtige Situation und unterstreichen den Charakter der Soziologie als „Wirklichkeitswissenschaft". Sie stellen die Wirklichkeit dar und deuten vielfach Möglichkeiten einer Lösung der Krise an, für die die deutschen Juden in manchen Dingen eine Veränderung und wieder in anderen eine Bewahrung ihrer Haltung in sich schließen werden. E. R—1. Allerlei vom Monat Ein Jude ist in der Welt entdeckt worden, der niemals etwas vom Schicksal der deutschen Juden im Jahre 1933 gehört hat Er heißt Jacob Offendahl und lebt in Koggiung, einer indianischen Niederlassung auf Alaska, 350 Meilen südlich von Nome, mitten in der Arktis. Dr. Frederick Falk hat das Verdienst, diesen seit 17 Jahren in einer kleinen selbsterbauten Hütte lebenden Juden auf einer Expedition nach der Bristol Bay in der Beringsee entdeckt zu haben. Der einsiedlerische Herr Offendahl hat während dieser 17 Jahre keine Zeitung gelesen. Er hat keine Notiz von der Außenwelt genommen und sie auch nicht von ihm. Aber jetzt ist Dr. Falk zu ihm gekommen. Er hat mit Herrn Offendahl die Lage der Juden in der Welt und auch das Schicksal der deutschen Juden besprochen. Herr Offendahl hat zugehört, hat sich aber nicht sonderlich beeindrucken lassen, sondern alles aus seiner Vorstellungswelt heraus angesehen und das Gespräch bald auf Robben und Walfische, vielleicht auch auf Eisbären gebracht. 519