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Der Morgen · 1935-01-01 · Heft 10 (Januar 1935) · p. 476

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 10 (Januar 1935)
Article
Alfred Neumanns "Neuer Caesar" [Rezension]
Date
1935-01-01
Page
476 (sequence 2)
Language
German
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einen geschichtlichen Raum gegeben hätte, war dort der Raum für unser geschichtliches Bewußtsein nicht genügend aufgehellt, so hat der Dichter im „Neuen Caesar" ein Zeitalter gewählt, das das unsere noch überschattet und das zugleich aus unserer Gegenwart zu deuten ist. Alfred Neumanns frühere Romane muten angesichts des neuen geradezu wie Vorstudien an, in denen er sich in der Kunst versucht, die Seele des Menschen in seiner leibhaftigen Erscheinung und den geschichtlichen Raum, in dem sie wirkte, im lichtgebenden Helldunkel sichtbar zu machen^ „Neuer Caesar!" Der Begriff Caesarismus ist tatsächlich zuerst auf den dritten Napoleon angewendet worden. Die Generation war weggestorben, der das Blutopfer der napoleonischen Kriege noch gegenwärtig gewesen war. Aber der Mythos Bonaparte lebte und die Sehnsucht einer neuen Jugend nach der „gloire". Das Bürgertum bangt im juste milieu vor einer Radikalisierung der Errungenschaften der Revolution, nur eine gewisse Abwehr der Reaktion ist den Erben der französischen Revolution in Fleisch und Blut übergegangen. Es ist eine Mittelstandsbewegung, die nach zwei mißglückten Putschen die Wahl und den Staatsstreich des Prinz-Präsidenten trägt. Dieser Napoleon ist ein „mittlerer Charakter", der wie Macbeth „falsch nicht spielen, aber unrecht doch gewinnen" möchte. Zweideutig setzt er auf die Republik wie auf das Kaiserreich — und ist insofern nicht unehrlich, als seine Erziehung ihn tatsächlich zu beiden Möglichkeiten befähigte. Er hat in seiner Jugend nur „ein halbwegs gutes Herz", aber er weiß es, unbekümmert um die unwählerischen Mittel, mit seinen Zielen stets einigermaßen in Einklang zu bringen. Das ist das Geheimnis seines Erfolges. Er bleibt für seine Nächsten stets „undeutlich", aber er hat etwas Gewinnendes, etwas, was Männer und Frauen anzieht. Sein Prätentententum dankt er dem Namen, den er zu Unrecht führt; er leidet nicht unter dem Betrug, wohl aber unter dem verpflichtenden Vergleich. Aber auch sein geduldiges Abenteurertum hat den Napoleon- Zug jener Balzacschen Existenzen, die in der Comedie humaine als „Heimliche Könige" auftreten. Mit an Balzac gemahnenden Mitteln macht Alfred Neumann aus dem Helden der Undeutlichkeit eine eindringliche Charakterstudie. Sein Napoleon, dem er doch ein negatives Vorzeichen gibt („Tragödie des neunzehnten Jahrhunderts" heißt der Untertitel), übt auf den Leser den gleichen Reiz wie der historische auf seine Mitwelt. Und wie die Hauptgestalt die innere Wahrheit für sich hat, so gewinnt unter den Händen des Dichters die Historie eine straffe Geschlossenheit, — das Zwingende. Künftige Generationen werden an diesem Muster eines historischen Romans studieren können, wie ein Dichter aus seiner Beherrschung des Stoffes heraus neu zu formen vermag, so daß nichts bloßer Rohstoff bleibt. Es ist anzunehmen, daß in Deutschland nur die jüdische Leserschaft von ihm Kenntnis erhalten wird. Im Ausland jedoch wird er für das Ansehen des deutschen Schrifttums werben. Wir, die wir heute schon wieder Gefahr laufen, uns im Nur-Jüdischen zu verlieren, wollen über solche Aussicht einer jüdischen Leistung nicht undankbar sein. Lutz Weltmann. 476

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