Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Otto Hirsch zum 50. Geburtstag
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 475 (sequence 2)
- Language
- German
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hat ihm auch im jüdischen Bereich ein besonderes Vertrauen zugetragen. Wie er im Vorstand des Centraivereins für die Beteiligung an der Jewish Agency zur Förderung des Palästinawerks eintrat, so hat er parteilos, aber nicht standpunktlos die Führung der Geschäfte der Reichsvertretung übernommen und ihr, ohne je in der öffentlichkeit besonders hervorzutreten, einen Stil geschaffen, den es in der Vertretung jüdischer Angelegenheiten so vorher nicht gab. Süddeutsche Wärme und ruhige Würde, großzügiges Erfassen des Wichtigen und lebendige Aufgeschlossenheit allem Werdenden gegenüber machen seine Haltung, über die Spaltung der Generationen hinweg, vorbildlich für weite Kreise der Jugend. So wünschen wir ihm und uns: in multos annos! Alfred Neumanns „Neuer Caesar'1 Seit der jetzt vierzigjährige Dichter für seinen Roman „Der Teufel" mit dem Kleist-Preis geehrt wurde, hat sich sein geistiges Bild nicht schärfer abgezeichnet: er hat mit seinen Dramen „Königsmaske" und „Frauenschuh" die Bühne nicht erobert, mit dem Doppelroman aus dem italienischen Risorgimento „Rebellen" und „Guerra" nur kühle Bewunderung geerntet, hat mit dem Roman „Der Held" eine mehr stoffliche als künstlerische Würdigung gefunden und endlich, als Erneuerer des deutschen Schelmenromans, mit einem „Narrenspiegel" überrascht — nicht weil man einem Juden die Einfühlung in so vital-deutsche Gestalten wie den Herzog Heinrich von Liegnitz und seinen Rat Schweinichen nicht zugetraut hätte (die Abstammung dieses Westpreußen war seinen christlichen wie seinen jüdischen Kritikern teils unbekannt, teils kein Problem), sondern weil andere geschichtliche Räume dem Klima seiner Kunst gemäßer zu sein schienen. Jetzt ist bei E. P. Tal & Co., Wien, ein neues Buch von Alfred Neumann herausgekommen, seine bedeutendste Schöpfung: „Neuer Caesar", der Roman Napoleons III., dem ein zweiter Teil „Kaiserreich" folgen wird. Alfred Neumann greift verschiedene Themen seiner Schöpfungen wieder auf und sammelt seine Begabung zu peuer Kraft. Der „Neue Caesar" ist einmal der Roman des Prätendententums: die Situation der „Königsmaske", in der Charles-Louis als Thronprätendent daran zerbricht, daß für ihn Blut vergossen wird, wiederholt sich fast bei dem Straßburger Putsch Louis Bonapartes. Aber welch eine Entwicklung: die Verquickung der Liebeshandlung mit der politischen Aktion war bei den rivalisierenden Frauen der „Königsmaske" nicht viel mehr als romantisches Theater; die Abenteuerinnen' der Liebe und der Politik um den Prätendenten Louis Bonaparte vervollständigen das Charakterbild dieses Mannes und vermitteln zugleich die Atmosphäre der Zeit. Wie dem Autor in seinem (nicht ganz zulänglichen) Drama die Frage der Echtheit oder Nichtechtheit des Prätendenten gleichgültig war, so steht auch seinem „Neuen Caesar" der Umstand, daß sein napoleonisches Blut etwas fragwürdig ist, nicht im Wege. Und wieder baut Neumann die Welt des politischen Verschwörertums auf, die es ihm schon in den Risorgimento - Romanen und im „Held" angetan hatte; aber fehlte hier die Distanz, die dem Geschehen 475