Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Der Kaufmann
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 438 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der junge Kaufmann werten. Es gibt aus den letzten hundert Jahren noch so manches andere Beispiel angestrebter und verwirklichter Verbindung von Broterwerb und reiner Geistigkeit. Da ist Disraelis Romanfigur, der Bankier Sidonia, der in seinem Büro mitten zwischen der Auftragserteilung an zwei Börsenmakler mit einem jungen Idealisten ein religionsphilosophisches Gespräch zu führen vermag. Da sind vor allem aber die Pioniere des neuen Palästina, die Biluim, die Jünglinge und Männer des Hapoel Hazair, zu einem großen Teil ehemalige Akademiker, die, der Erhaltung des Judentums zuliebe, die Gymnasialbank, die Gerichtsschranke mit dem Boden vertauschten, der zu roden war. Es ist so unmöglich wie müßig, etwa die menschliche Leistung eines Palästinapioniers gegenüber der eines jüdischen Kaufmanns in Deutschland abwägen zu wollen. Aber die geistigen Voraussetzungen des Ausharrens, Hintanstellung persönlicher Wünsche und Möglichkeiten um des Judentums willen sind ähnliche. Auch um heute in die väterlichen Betriebe hineinzugehen, ist opferbereite Gesinnung vonnöten, Selbstverleugnung dem eigenen Ich gegenüber und Bereitschaft, Geschichtsträger Israels zu sein! So wenig der Handel als solcher volkswirtschaftlich unproduktiv ist (wie soeben erst wieder in einer innerdeutschen Pressediskussion zum Ausdruck gebracht wurde), so wenig muß die Hinwendung zur Kaufmannschaft den deutschen Juden als Juden zur Unproduktivität verurteilen. Wohl kann gerade den jungen begeisterungsfähigen Menschen das Bild beruflicher Vielfalt locken, das ihm bereits heute die jüdische Siedlung in Palästina verspricht. Wir dürfen aber keinen Gegensatz zwischen dem Juden in Palästina und dem in Deutschland als Juden zulassen. Vielmehr will uns scheinen, daß es heute mindestens ebensoviel Glauben und Hingabe ans Judentum erfordert, als Kaufmann Familien- und Gemeinde- Existenz in Deutschland zu erhalten, wie vordem als Bauer den Grundstein zu der noch nicht vorhandenen Heimstätte in Palästina zu legen. Der Traum der ersten Emanzipation ist einstweilen ausgeträumt. Aber der Träger des Bildes, der Kaufmann in Deutschland, existiert. Haben wir uns bereits zu dem reinen Bild jüdischer Existenz erhoben, hatten wir schon den Mut, Irrtümer — wenn auch edlen Strebens — uns selber schonungslos zuzugestehen? Wir müssen manches, was uns umgab, als unwiederbringlich verloren geben, müssen mehr, was in uns vergessen war, wieder zum Leben erwecken. Wir müssen wieder sein wollen, die wir sind: Geschichtsträger Israels. Wir müssen dafür sorgen, daß die Annalen des deutschen Judentums nicht mit dem Eintrag des Kaufmannes von 1933 schließen. Mögen wir es erleben, daß auch die Generation der Söhne sich ihrer Väter würdig erweise. Mögen unsere Enkel einst von uns sagen, daß sie aus unseren Händen das Erbe rein erhalten haben. Hanns Reissner 438