Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Der Kaufmann
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 437 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Der junge Kaufmann anders liegt der Fall bei jenen großen Kapitalgesellschaften, bei denen nur schwer abgewogen werden kann, wie weit die drohende Einbuße von öffentlichen Lieferungen, wie weit die Furcht vor Aufdeckung der Anonymität hinter dem Schleier des Aktienmantels den Beweggrund zur Gleichschaltung abgegeben hat. Täuschen wir uns nicht, so hat die Umbildung jedoch weniger tief eingegriffen in Unternehmungen, bei denen Juden nicht nur Kapital angelegt hatten, in denen vielmehr die Mitglieder der Familien selbst verantwortlich arbeiteten. Jetzt will auch in unserem Lager das Schlagwort von der „Liquidation" nicht verstummen. Was ist im Sektor der „freien Wirtschaft" geschehen? Die Entwicklung von Mammut-Unternehmungen des Einzelhandels ist im Einklang mit der gesamten nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik eingedämmt worden. Aber mancher angehende junge Richter oder Anwalt schätzt sich heute glücklich, daß sein Vater den von ihm begründeten, vielfach sogar schon vom Großvater ererbten Familienbetrieb fortgeführt hat. Der Enkel, der einmal höher hinaus wollte, hat heute endlich noch die Möglichkeit hineinzutreten und zu arbeiten, „nicht sicher zwar, doch tätig frei", wie er es der ihm teuer gewordenen klassischen deutschen Bildung gemäß nicht besser auszudrucken vermag. In dem Maße, wie von außen die Felder der Berufsbetätigung eingegrenzt wurden, weitete sich der geistige Himmel über dem Binnenhofe des jüdischen Hauses. Der Kaufmann ist wieder Geschichtsträger geworden. Er trägt als Steuerzahler die Gemeindeeinrichtungen; von ihm als Arbeitgeber hängen Angestellte. Handwerker und Akademiker ab; seine Beiträge erhalten kulturelle Zusammenschlüsse. Heute ist nicht, zumindest noch nicht, die Zeit, auf ein Idealbild beruflicher „Normalisierung" hin die bestehenden Grundlagen jüdischen Wirtschaftens in Deutschland einzureißen. Wir können nur im Rahmen der Gesetzgebung wirken, die uns im wesentlichen den Handel freistellt. Wir müssen aber auch halten, was gehalten werden kann, — um des Namens willen. Die beruflich vereinseitigte Schichtung des Judentums in Deutschland braucht und soll nicht geistiges Verkümmern nach sich ziehen. Die glücklichen Zeiten des 19. Jahrhunderts sind vorbei, wo dank den Renten aus väterlichen Geschäften oder in Staatsstellung junge Juden ihren wissenschaftlichen und schöngeistigen Neigungen hauptberuflich nachgehen konnten. Wenn in einer Beziehung der voremanzipatorische Moses Mendelssohn uns Vorbild sein kann, so darin, daß er von Berufs wegen Kaufmann war und nicht Schöngeist. Vielleicht hätte er mehr Geld verdienen können, wenn er sich nicht „zersplittert" hätte. Aber gerade die Selbstbescheidung, daß er einem Broterwerb nachging, um für seine Familie zu sorgen und nicht als Journalist von seiner Feder zu leben beanspruchte, läßt uns sein geistiges Schaffen um so höher be- 437