Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- [Rezension] / Aronstein, Fritz
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 427 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- spine
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895535--07618-2904549- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Norman Bentwich, The Jews and a changing civilisation. London, 1934 (XXth Century Library). Wir besaßen bislang kein Buch, daß uns und auch die Nichtjuden in kurzer ansprechender Form über die Juden, ihre Geschichte, Entwicklung und Struktur, über ihre Fragen und Hoffnungen orientierte. Norman Bentwich, der lange eine hohe politische Stellung in Palästina einnahm und der jetzt an der hebräischen Universität Jerusalem lehrt, hat den Versuch einer solchen Darstellung unternommen, — und wir müssen sagen, daß er ihm voll gelungen ist. B. geht von der Geschichte aus, und auf wenigen Seiten skizziert er ein Bild des großen geschichtlichen Verlaufs, das eine Grundlage für die Betrachtung des heutigen Problems abgibt. Sowohl die geistigen Bewegungen — die in einem besonderen Kapitel über den „Religiösen Hintergrund" ausführlich besprochen und in ihren verschiedenen Richtungen dargestellt werden — als auch die zahlenmäßige Verteilung der Juden auf die einzelnen Länder und ihre berufliche Gliederung im Verlaufe der Geschichte werden klar und ordnen sich zu einem Ganzen. Dem Abschnitt über den Antisemitismus, dessen Grundlagen B. zum großen Teil in dem Fremdheitsgefühl, dem von Zweig aufgestellten „Differenzaffekt", sieht und dessen Erscheinungsformen er durch die Zeiten bis auf die allerneueste Gegenwart aufzeigt, folgt ein Kapitel über den Beitrag der Juden zur modernen Kultur. Doch ist hier nichts von einer Apologetik zu merken! Klar und offen werden die Beziehungen hingestellt, und ein abgerundetes Bild ergibt sich. Wenn B. die jüdisch-nationale Hoffnung am Ausgang seines Buches behandelt, so tut er das mit Absicht. Denn hier ist der Neubeginn einer jüdischen Geschichte im Anknüpfen an die Traditionen der Jahrtausende. Doch werden die Schwächen und Fehler nicht verschleiert. Die Assimilation an den europäischen Nationalismus, die in jüdischen Reihen stark zu spüren ist, stellt B. als eine verderbliche und unjüdische Erscheinung hin. Diese überbetonten jüdischen Chauvinisten protestieren gegen die individuelle Assimilation und geben sich der nationalen Assimilitation hin, die ja noch schlimmer ist: denn sie ergreift das gesamte Volk! Der Besitz des Bodens, das „Wie alle Völker" ist nicht das Letzte. Goethe sagt gelegentlich einmal: „Nicht der Boden, sondern die Verhältnisse eines Volkes, deren zwar viele auch aus dem Lande, das sie bewohnen, hervorspringen, bestimmen Nation. So haben die Juden Nation und Patriotismus, mehr als hundert leibeigene Geschlechter." Bentwich sieht in Palästina das geistige Zentrum der Judenheit, dessen Aufbau dringend notwendig ist, denn die Seele muß eher als der Körper gerettet werden. Dann wird sich bei einer Wiedervereinigung mit dem Lande der Geschichte und der Zukunft etwas Neues ergeben. Das jüdische geistige Leben kann von diesem Zentrum aus wieder befruchtend auf die Diaspora und auf die Völker wirken. Fritz Aronstein Die Verfasserin der im Novemberheft abgedruckten Gedichtfolge „Um ein Sternbild" legt Wert auf die Feststellung, daß ein einleitendes Gedicht „Chaos", aus technischen Gründen ausfallen mußte. 427