Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- Neue Zeitschriften [Rezension]
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 425 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895535-2904478--07610-2904547- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Israel eine Frage an die Kirche Christi bedeutet, der sie sich auf keine Weise zu entziehen vermag", hebt diese Frage auf eine höhere Stufe, als es die der sonst üblichen Diskussion ist, und vermag zu einer unbefangeneren Einsicht in die Probleme des Judentums zu verhelfen. Der Standpunkt der missionierenden katholischen Kirche ist von jedem jüdischen schärfstens getrennt, das versteht sich. Wie wir aber jede Absicht zu schätzen wissen, die darauf ausgeht, den Problemen und Werten Annette Kotb, Die Schaukel. S. Fisdier Verlag, Berlin 1934 Die Verfasserin der „Briefe einer Deutsch-Französin", von Geburt zwischen den Nationen stehend, kulturell diesseits und jenseits des Rheins verwurzelt und gebunden, ist dadurch zu einer unbefangenen Betrachtung und Beurteilung der inneren wie der äußeren Komplikationen vorbestimmt, welche sich aus der Ernährung von zwei nicht völlig artgleichen Böden für das Leben und die Lebensform des betreffenden, richtiger: davon betroffenen Menschen ergeben. Lebensform, das ist überhaupt ein Leitmotiv dieses wenig romanhaften „Romans", der viel mehr ein Querschnitt durch das München ungefähr um die Jahrhundertwende ist und das Sich-Berühren, Sich-Schneiden engerer und weiterer Familien- und Gesellschaftskreise zeigt. Dieses München nennt Annette Kolb „die demokratischste deutsche Stadt"; sie schildert seine Atmosphäre, seine Landschaft, seine Menschen mit einer Lebendigkeit, die nur ein zum wirklichen Besitz gewordenes eigedes Judentums näherzukommen, so sehen wir auch die Möglichkeit fruchtbarer Wirkung eines solchen Unternehmens: nicht den Juden gegenüber, sondern innerhalb der Kirche selbst. Sie könnte bei einer neuen Prüfung der jüdischen Frage eines Tages zu Standpunkten kommen, die ein wirklich fruchtbares Glaubensgespräch ermöglichen würden — weit entfernt allerdings von den Formen missionierenden Denkens, in denen man jetzt noch „Lösungen" sieht. — a — nes Erleben zu schaffen vermag, und in einer sprachlich oft eigenwilligen, aber immer hinreißenden Diktion von faszinierendem Charme. Korporativer Held des Romans sozusagen ist eine deutsch-französische Familie, deren vier Kinder von der jüdischen Baronin James besonders geliebt, betreut und verwöhnt werden. Es sind zusammengefaßt nur ein paar Seiten von mehr als zweihundert, auf denen von der Baronin überhaupt die Rede ist. Sie ist gewiß keine durchschnittliche Frau, auch keine Durchschnittsjüdin, aber doch ein Typus, jedem Juden der deutschen Vorkriegsgeneration vertraut, sie allein vielleicht nicht notwendig in München beheimatet. Ihr Porträt zeichnet Annette Kolb in Sätzen, die vom Streben nach höchster menschlicher . Gerechtigkeit eingegeben, durchdrungen und geformt sind: „Entschiedenheit des Qualitätsgefühls" schreibt die Dichterin ihr mit besonderem Nachdruck zu und denkt dabei an eine ganze Gattung von Juden. Wir haben uns über dieses leichte, feine, beschwingte Buch gefreut. 1.1. 425