Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1934)
- Article
- Schicksal in Zahlen
- Date
- 1934-12-01
- Page
- 409 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- Lübeck 1× ep/1048008
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Schicksal in Zahlen Hagen und Harburg-Wilhelmsburg mit 0,3 und Bochum, Braunschweig, Bremen, Lübeck und Mülheim mit 0,4o/o. Der prozentuale Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung sinkt, je kleiner die Gemeinden werden. In den Großstädten (über 100000 Einwohner) ist der jüdische Anteil 1,8 o/0, in Gemeinden mit 50 000 bis 100000 Einwohnern 0,7, mit 20000 bis 50000 Einwohnern 0,5, mit 10000 bis 20 000 Einwohnern 0,4 und schließlich in Gemeinden unter 10 000 Einwohnern nur noch 0,2 o/0. Trotzdem sind, wie unsere Tabelle zeigt, im einzelnen ganz beträchtliche Unterschiede. In vier Gebietsteilen ist noch Landjudentum in größerem Ausmaß vorhanden, charakteristischerweise im Bezirk des Mains und daran anschließend. In der Provinz Hessen-Nassau macht das Landjudentum 0,8 o/o der Landbevölkerung aus, im Regierungsbezirk Kassel allein entfällt auf 840706 Einwohner der Orte unter 10 000 Einwohnern eine jüdische Bevölkerungsziffer von 8640, also über lo/0. Im Land Hessen beträgt die Zahl der Juden auf dem Land ebenfalls fast lo/o, in der Provinz Oberhessen mit 3895 von 295 577 sogar 1,3 o/0. Fast die Hälfte der bayerischen Landjuden, nämlich 5061, wohnen in Unterfranken mit einer gesamten ländlichen Bevölkerung von 607 498, der Anteil ist also ebenfalls 0,8o/0. Und schließlich entfallen von den jüdischen Landbewohnern der Rheinprovinz 3361 auf den Regierungsbezirk Koblenz mit einer ländlichen Bevölkerung von 609000. In diesen vier Bezirken, Hessen, Hessen-Nassau, Unterfranken und Rheinprovinz allein wohnt also fast die Hälfte der Landjuden. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß zu den Landgemeinden anderwärts manche Orte gehören, die im Weichbild der Großstadt liegen und deren Bevölkerung ganz städtisch ist Fast nur großstädtische jüdische Einwohner hat Sachsen, wo auch in den Orten mittlerer Größe kaum Juden wohnen, ebenso Thüringen, Schleswig-Holstein und die Provinz Sachsen. Neue und völlig überraschende Ergebnisse waren von der neuen Statistik von vornherein nicht zu erwarten. — Die Überalterung des deutschen Judentums schreitet vorläufig noch fort. Aber Statistiken sind keine Prophezeiungen und sind nur mit größter Vorsicht als Grundlage dazu zu benutzen; einer ihrer selbst bewußten und wirtschaftlich immer noch lebensfähigen Judenheit wird es, wenn sie nur will, in Zukunft nicht an der genügenden Anzahl gesunder Kinder fehlen. Bedenklicher ist die andere Tendenz, die die Statistik erweist: der neue Zug vom Land in die Großstädte. Er ist glücklicherweise nicht überall gleich stark. Immerhin rückt die angestrebte Normalisierung damit in noch weitere Ferne. Aber man sollte über den erhöhten inneren Gefahren auch die Chance nicht vergessen, die in engem Zusammenhalt, in verstärkter Aufnahme und Förderung jüdischen Bildungsgutes liegt, wenn es nur gelingt, diese neuen Großstädter nicht entwurzeln, sondern neu einwurzeln zu lassen. 409