Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- Felix Goldmann
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 375 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895534-2904389--07532-2904453- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mitarbeiter: er war lange Jahre,ohne daß er öffentlich hervortrat, sein kritisches Gewissen. In hingebungsvoller seelsorgerischer Tätigkeit wurde er der geliebte Vater seiner Gemeinde. In kämpferischer Begeisterung prägte und verwirklichte er den deutsch-jüdischen Gedanken als Führer im C. V. und im K. C. Die Jugend lehrte er in echter, leitender Freundschaft. Und all dieses vielfältige Sein und Tun einte sein warmes, durch Wissen und Leiden geläutertes Herz in dem Wunsche: zu helfen. Er hatte noch einen anderen, Gegensätze verbindenden, Widersprüche lösenden, schöpferischen Wesenskern: sein Judentum. In ihm fanden Liberalismus und Orthodoxie, Deutsch-Judentum und Palästina-Arbeit erhöhenden Ausgleich. Felix Goldmann, der immer ganz für seine Sache stand, der ein scharfes Für und Wider kannte, blieb auch im Streite der Geister vor allem der Diener des Ganzen. Er hatte Gegner, aber keine Feinde. Er war ein Mensch, wie wir ihn gerade heute nicht entbehren zu können meinen. Wir werden ihn entbehren müssen. Aber überall, wo er wirkte, wird der Geist, den er in Bewegung versetzte, noch lange die Richtung wahren, die er ihm gegeben hat. E.R.-J. George und Gundolf Georg Bondi, der Verleger Georges, läßt soeben ein schmales Bändchen „Erinnerungen an Stefan George" erscheinen. Es sind nicht eigentlich literarische Erinnerungen; sie zeichnen das bürgerliche Bild des Dichters und seiner Freunde aus persönlichem häuslichem Verkehr, und sie geben gleichzeitig ungewollt ein Selbstporträt dieses jüdischen Verlegers, der still und vornehm ganz hinter seinem Werk zurücktritt. Eine kleine Szene zwischen George und Gundolf soll für sich selber sprechen: George „war bedürfnislos in bezug auf Bedürfnisse, die mit Geld zu befriedigen sind. Er ließ seine Guthaben bei mir meist viele Monate stehen, bis er das Geld brauchen konnte. In der Inflationszeit bat ich ihn, sein Guthaben nicht bei mir stehen zu lassen wegen der raschen Geldentwertung. Das war die einzige Zeit, in der er ein Bankkonto hatte. Er ließ sich bei der Deutschen Bank in Darmstadt ein Konto einrichten. Da er aber eine unüberwindliche Abneigung dagegen hatte, so etwas wie Zahlungsaufträge selbst zu unterschreiben, beauftragte er Gundolf, die Unterschrift ,Stefan George' unter den Auftrag zu setzen. Er sagte, Gundolf könne seinen Namen so schreiben, daß er selbst später nicht wüßte, ob er oder Gundolf die Unterschrift geleistet hätte. Aber die Bank wußte es: Er bekam den Brief zurück mit der lakonischen Bemerkung ,Wir bitten um eigenhändige Unterschrift'. Das war ihm zu dumm; er gab das Bankkonto auf und hat sich niemals wieder eins geben lassen. Auch als er nach dem Tode seines Vaters seine Erbschaft antrat, hatte er kein Bankkonto nötig. Das Geld in ,sicheren Werten* anzulegen, das war ihm zu bürgerlich. Er verwendete es lieber für Reisen. Als später die Inflation kam, sagte er mir einmal: ,Ich habe damals das Geld sicherer und besser angelegt, als wenn ich es auf die Bank gegeben hätte4." 375