Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 8 (November 1934)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1934-11-01
- Page
- 359 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895534-2904385--07510-2904437- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Rudolf Hallo: Die christliche Wissenschaft vom Judentum Barrabas junior, während der Professor fortfuhr: „Sagen Sie das aufgegebene englische Gedicht auf in der Aussprache, die ich gestern angegeben habe." Barrabas junior deklamierte also in der prononciert schulmäßigen Aussprache „My heart's in the highland." Der Professor unterbrach ihn immer wieder und korrigierte die Nuancen der Aussprache. Die polnischen Schüler in den hinteren Reihen, die für die englische Sprache am wenigsten die Zunge hatten, amüsierten sich am meisten, Barrabas junior stieß bei jeder Unterbrechung mit dem Fuß seinen um eine Viertelstunde älteren Zwillingsbruder an, der ihm vorsichtig aus dem Buch vorzusagen versuchte, und der Sohn des Rektors sagte ebenfalls vor, aber ganz unsinnig. Die Klassenmannschaft war auf dem besten Weg, in Stimmung zu kommen, als es klopfte. Der Professor winkte dem deklamierenden Barrabas junior ab und sagte sonor: „Herein." (Fortsetzung folgt) Rudolf Haiio: Die christliche Wissenschaft vom Judentum (Schluß) Die aus dem Zusammenbruch der bisherigen Gewißheiten erwachsene kritische Betrachtungsweise, welche sich zur Vergleichenden alttestamentlichen Wissenschaft entwickeln sollte, verschob die Bibel insgesamt aus dem engen Fachbetrieb der Theologie in das freie Feld der historischen Forschung. Innerhalb dieses unendlich ausgedehnten Gebietes war aber die Bibel lediglich ein Zeugnis unter anderen, das wie irgendein ägyptischer oder indischer Text sittengeschichtlich, religionsgeschichtlich, rechtsgeschichtlich und völkerkundlich ausgenutzt wurde. Zunächst aber fand jene materialhungrige, aufklärerische und idealisierende Periode ihren Ausgleich in der romantischen, der wir eins der schönsten Bücher verdanken, das je von Christen über Jüdisches geschrieben wurde: des 23jährigen Franz Delitzsch „Zur Geschichte der jüdischen Poesie vom Abschluß der heiligen Schriften Alten Bundes bis auf die neueste Zeit", das 1836 erschien. Mit einer Tatsachenkenntnis, wie sie wohl nie wieder so reich vorhanden war und so meisterhaft gehandhabt wurde, bringt es die 359