Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- [Rezension] / t. l.
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 331 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- spine
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Wer Schalom Asch kennt, weiß, für welche Seite sein Herz sich einsetzen, seine Feder schreiben wird. „Der Trost des Volkes" erscheint ihm nicht aus der Reihe derer, welche die Lehre deuten, sondern aus der Gruppe jener, die das Gesetz der Liebe erfüllen, indem sie es täglich aufs neue betätigen, ihr eigenes Leben ihm zum Opfer bringen. Das gilt dem Schöpfer gegenüber nicht weniger als dem Geschöpf. „Fürchtet Ihn aus Liebe, nicht etwa aus Angst!" Aber „Tränen sind der Quell der Liebe" — vor Gott und den Menschen. Eine Fülle von Einzelgestalten, durchaus nicht nur Juden, beleben das Werk, und wir spüren, wie lebendig sie auch selbst dort sind, wo Zeit und Umgebung sie uns ferner zu rücken drohen. Zu wahrhaft dichterischer Gewalt gelangt aber Schalom Asch dann, wenn er die Menschen zu Massen ballt, wie etwa die Wartenden im Hofe eines „Wunderrabbi", oder im Betsaal, zusammengefaßt in einer Idee, fanatisch gerichtet auf e i n Ziel. Hier fühlen wir nicht nur das brennende Feuer im Innern, sondern erkennen auch die formende Meisterhand eines Dichters, dem seine Gabe zum Dienst geworden ist. 1.1. Carl Spindler: Der Jude* Deutsches Sittengemälde aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Verlag, Das Berglandbuch. Graz 1934. Die zwei dicken Bände mögen für den Literaturkenner in einer Hinsicht amüsant sein: ausnahmsweise wird einmal ein Stückchen der Kette sichtbar, die von den Ritter- und Räuberromanen des ausgehenden 18. Jahrhunderts zum heutigen Kolportagewälzer mit 100 Fortsetzungen führt. Hier wahrt die Gattung noch einen Rest literarischer Bemühung: das Konstanz er Konzil, ritterliches Turnier, raubritterliche Sauf¬ und Raufszenen, das ganze äußere Kostüm der Zeit sind nicht ohne kulturhistorische Kenntnis gegeben. Aber es fehlt der Griff des Dichters, der aus vielen Einzelheiten erst ein Bild macht Spindler war bloß ein Vielschreiber und ein Nachschreiber. Denn die Figuren, unnachsichtlich engelweiß oder teufelrot gefärbt, sind Literaturklischees zwischen Nathan dem Weisen und Kleists Kunigunde von Thurneck, aus Zettelkästen mit Leben gespeist Die Helden überbieten sich in Edelmut oder in ebenso zweckwie ruchlosen Verbrechen: ohne Kindesentführung und -vertauschung, ohne totgesagte Weiterlebende käme die Handlung nicht vom Fleck. So steht der edlen, unglücklichen, dann hinwiederum jedoch zu neuem Glück erhobenen JudenfamiKe Ben David das Überungetüm des gewerbsmäßigen Mörders Zodik gegenüber wie dem großmütigen Dagobert seine teuflische Schwester Wallrade. Edelmuttrief ende jüdische Gestalten sind uns aber um nichts lieber als bluttriefende, wenn sie beide innerlich gleich unwahr sind. Hat man, bald kopfschüttelnd über das Papierdeutsch jener Ritter und über das sonderbare Rotwelsch, das der Verfasser für seine Juden erfunden hat, die 800 Seiten bewältigt, so bleibt ernsthaft nur die Frage übrig: an welche Leser wendet sich der Verlag, dem für dieses vermoderte Zeug sein schönes weißes Papier nicht zu schade war? H. B. 331