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Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 327

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Ein Gruß für Karl Wolfskehl zum 65. Geburtstage
Date
1934-09-01
Page
327 (sequence 2)
Language
German
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stärkte Ihre eigne Dichtung. In Ihren „Gesammelten Dichtungen" fand einer der tiefsten Kenner der Zeit und der Menschen „eine Kraft der Vergegenwärtigung des Erbes, die diese älteste Seele als die jüngste erscheinen läßt". — Solcher Prägung sind Sie auf allen verschlungenen Pfaden Ihres Lebens, wie mir scheint, treu geblieben. Wie Sie bei dem Meister noch ausharrten, als andere aus jenem engsten Kreise sich gegen ihn wandten, so blieben Sie auch der einmal erkannten Aufgabe treu: der „Vergegenwärtigung des Erbes". Ob Sie nun alte verschollene Lieder zu neuem Leben erweckten — etwa jenes althochdeutsche Wiegenlied, das ein frühmittelalterlicher Jude aufzeichnete und ein spätjüdischer Enkel wieder entdeckte; ob Sie in den eignen Weinberg zurückkehrten und an den „alten Wassern" vom König Saul oder vom Berge Nebo Psalmen sangen. Auch als Sie die reiche Gedankenernte mancher Jahrzehnte formstreng als „Bild und Gesetz" sammelten: immer blieben Sie der Flamme getreu, der Sie sich einmal geweiht. Mit den Propheten unserer alten Rasse hat man Sie verglichen, „getränkt mit dem Wein des heiligen Zorns und giftigen Ekels aus allen Bechern der Zeit bis auf unsern Tag". Und wir, die wir das Glück hatten, aus Ihrem Becher trinken zu dürfen, können Ihnen heute nichts Schöneres wünschen, als daß die Kraft Ihrer Jugend Ihnen treu bleibe: daß die Kraft der Vergegenwärtigung des Erbes Ihre älteste Seele als die jüngste und heutigste immer wieder erscheinen läßt. Das ist unser Wunsch für Sie — und nicht minder für uns. Bertha Badt-Strauss Jakob Wassermanns Vermächtnis Irgendwo sah ich einmal in einem Museum unter den Plastiken ein unvollendetes Werk von Rodin: ringende Gestalten, nur halb aus dem Stein herausragend, zur Befreiung strebend, noch gequält — und dennoch großartig, umso großartiger, weil der Beschauer, ob er wollte oder nicht, sich gezwungen sah, dem Künstlergedanken weiter zu folgen auf seinem Wege zur Verwirklichung. . . Ähnliche Empfindung erweckt dieser letzte ungeheure Roman Jakob Wassermanns, der sich in berghohen Haufen von Blättern, die seine zierlich strichelnde Handschrift bedeckte, in seinem Nacnlaß fand und nun von seiner Gattin herausgegeben wird. Ein Nachwort der Gattin erzählt in knappen Worten, daß Wassermann gerade diesem Buch unter allen seinen Büchern ein Nachwort beizugeben beabsichtigte: „es lag ihm viel daran." Auch, daß er im Sinne hatte, noch vielerlei Korrekturen an dem Werke vorzunehmen, „schöne, stille Kleinarbeit des Handwerks", — es sollte nicht mehr geschehen. Der Leser darf so in die Werkstatt des Künstlers schauen: ein Bild von ganz eigenartigem, wehmütigem Reiz. Gewiß, er entdeckt leicht, wo die ordnende Hand des Meisters noch manches verändert hätte: vielleicht wäre mancher allzu wildwuchernde Zweig getilgt, wäre manche allzu, erdnahe Einzelheit der messerscharfen Ganna-Kapitel als ein „Erden- 327

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