Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Ein Vorschlag
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 322 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Vorschlag Es fällt uns auf, daß man noch nicht den Versuch gemacht hat, etwas wie eine vergleichende Betrachtung der Künste in einem Vortragszyklus durchzuführen oder auch nur gelegentlich den Beziehungen zwischen den einzelnen Künsten nachzugehen. Natürlich darf man dabei nicht in ein unverbindliches Schwärmen geraten und sich mit allzu bekannten Stimmungsvergleichen zufrieden geben, sondern man müßte systematisch versuchen, die Künste aus der allzu großen Isolierung zu retten, in die sie dadurch gerieten, daß die Grenzen zwischen ihnen ausschließlich vom Material aus bestimmt wurden. Von der Goetheschen Forderung eines „Generalbasses der Malerei", der einer ausgebildeten Musiktheorie entspräche, wie überhaupt von der konsequenten Durcharbeitung eines Vergleichs zwischen den einzelnen Kunstgattungen sind wir noch so weit entfernt, daß noch an keiner Universität ein Lehrstuhl für vergleichende Geschichte der Künste besteht, wenn das auch wohl mit dem Mangel an geeigneten Persönlichkeiten zusammenhängt, die für die verschiedenen künstlerischen Gebiete in gleicher Weise zustän* dig wären. Läßt man doch vom gegenwärtigen Bildungsbegriff aus den Typus des „stockunmusikalischen" Kunsthistorikers noch gelten! Hier läge für den Kulturbund, der ja einer großen Versuchsbühne zu vergleichen ist, auf der das Experiment an sich seine Berechtigung hat, eine uns besonders lohnend erscheinende Aufgabe. Es kommt hinzu, daß im Kulturbund ein ganz gemischtes, z. T. nicht auf eine besondere Kunstgattung festgelegtes Publikum zusammentrifft, und daß damit gerade der Boden für eine überspezielle Kunstbetrachtung gegeben wäre. Statt wie üblich während eines Lehrganges ein oder mehrere Jahrhunderte italienischer Architektur oder englischer Dichtkunst abzuhandeln, unternehme man es einmal, etwa ein Jahrfünft des gesamten künstlerischen Schaffens einer Nation zu überblicken, indem man den Zusammenhängen, Durchkreuzungen und Parallelen, der Vertauschung und Ergänzung zwischen den einzelnen Künsten systematisch nachspürt. Ob für Untersuchungen solcher Art etwa die wissenschaftlich bereits einmal versuchte Übertragung der Wölfflinschen „Grundbegriffe" auf die Literatur oder der von W. Pinder aufgezeigte „Generationswechsel der Künste" richtunggebend sein können, welche Resultate im Einzelnen dabei erzielt werden, darauf kommt es uns hier vorerst weniger an, als dem Publikum neue Antriebe zu eigenem Denken, selbständigem Vergleichen und Urteilen zu schaffen, es zu eigener Beobachtung, vielleicht sogar zum selbständigen Zusammenstellen von geeignetem Untersuchungsmaterial anzuregen. Welche Musik hörte man sich zu Goethes Zeit am liebsten an, wie verhält sich Schwinds Darstellung des „Erlkönig" zu der Komposition Schuberts oder Lowes, wieviel hat die Formidee einer Sonate mit dem Grundriß eines Barockschlosses zu tun — Fragen, die vielleicht fesselnd genug wären, ein Publikum zu wirklicher Beteiligung anzuspannen. M. Riess. 322