Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1934-09-01 · Heft 6-7 (September 1934) · p. 321

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 6-7 (September 1934)
Article
Arnold Schönberg
Date
1934-09-01
Page
321 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2895450-2895526-2895533-2904244--07450-2904358
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

zen der Dur- und Moll-Klänge aneinanderfügen? Die ganze außereuropäische Musik, die von uns doch durchaus als Musik anerkannt wird, folgt andern Tonsystemen und Gesetzen. Ein neues Tonsystem würde auch uns neue Möglichkeiten der Klangkombinationen und damit neue Ausdrucksmöglichkeiten geben. Aus diesen Gedanken wächst Schönbergs Lehre von der chromatischen „12- Tonreihe", die nicht Dur und nicht Moll ist, nicht „dissonant", sondern nur „anders" als das Bisherige, anders als die altgewohnte Tonalität, ihr entgegengesetzt: „a — tonal". Man muß diese neue Harmonielehre Schönbergs — die er in einem Gustav Mahler gewidmeten Lehrbuch zusammenfaßt — von Grund auf studieren, wenn man Schönbergs Musik und die gesamte Musik nach Schönberg verstehen will. Sie ist die Grundlage zum neuen Ausdruck der „Modernen Schule". Der Einsiedler Schönberg, der sich aus dem lärmenden Konzertsaal an seinen Schreibtisch zurückgezogen hat, umhängt diese neue Harmonielehre mit delikaten kontrapunktischen Spitzfindigkeiten, die beinahe irgendwie vom Talmud zu kommen scheinen und nur etwas für den verstehenden Feinschmecker sind, der, wie Schönberg selbst, auch am Schreibtisch sitzt und sich dort den kunstvollen Bau dieser konstruktiven Musik auseinanderzulegen weiß. Diese letzten Werke muß man nicht unbedingt klingen hören, man kann sie ja beim Hören gar nicht ganz erfassen, sie werden zu einer papiernen Musik für wenig Auserwählte, zu einer Luxuserscheinung der Kunst, zur letzten Konsequenz einer individualistischen Romantik. Die jüngste Generation, die mit dem 20. Jahrhundert erst geboren wird, die durch das Gemeinschaftserlebnis des Weltkrieges gefühlsmäßig die Reste des individualistischen 19. Jahrhunderts überwunden hat, erkennt die Sackgasse, in der Schönbergs letzte Werke versanden. Denn diese jüngste Generation denkt sich ja nicht Kunst als Luxus für Einzelne, sie will im Gegenteil Kunst für alle, Musik für alle, sie schreibt ausdrücklich „Sing- und Spielmusiken für den Laien", Lehrstücke für Schulen, Lehr-Opern für Erwachsene. Sie fordert bewußte Erziehung zur Musik und Erziehung durch Musik. Und so sieht diese jüngste Generation (Hindemith, Krenek, Weill) in Schönberg nicht mehr das Programm ihrer Richtung, aber die große Lehre der Musiksprache des neuen Jahrhunderts. Sie alle übernehmen von Schönberg, als von ihrem letzten großen Lehrer vor der Reife, was an seiner Lehre wegweisend und lebensfähig ist, und führen diese Musik ins Leben wieder zurück, aus dem sie gekränkt geflohen war. Sie alle müssen durch Schönbergs Lehre hindurch, um sie überwinden zu können, so wie Schönberg selbst einmal Wagners Romantik erst ganz in sich hat aufnehmen müssen, um über sie hinauswachsen zu können. Wir Heutigen fürchten und verlachen den Namen Arnold Schönberg nicht mehr. Wir sprechen ihn voll Ehrfurcht aus als den Namen eines jener großen Mitlebenden, deren Bedeutung wir noch nicht ganz zu erkennen vermögen, von denen wir aber wissen, daß sie ihr Werk tief und unauslöschlich in das Gesicht unserer Zeit eingeprägt haben. Anneliese Landau. 321

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.