Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1934)
- Article
- Die Feste der Erlösung
- Date
- 1934-09-01
- Page
- 282 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Rosenzweig: Die Feste der Erlösung zu Beginn des letzten Tags, auf den die neun vorausgegangenen nur Bereitungen waren, hat er in jenem Gebet um die Vernichtigung aller Gelübde, alier Selbstweihen und guten Vorsätze sich die reine Demut erobert, nicht als sein wissendes, nein bloß noch als sein wähnendes Kind vor den zu treten, welcher ihm verzeihen möge, gleich wie er verzieh „der ganzen Gemeinde Israel und dem Fremden, der da unter ihnen weile, denn allem Volk geschahs im Wahne"3). Nun ist er reif zum Bekennen der eignen Schuld vor Gott in immer neuen Wiederholungen. Es gibt ja keine Schuld vor Menschen mehr. Drückte ihn die, so müßte er sich ihrer zuvor von Mensch zu Mensch in offenem Geständnis entledigen4). Der Versöhnungstag sühnt solche Schuld nicht; er weiß nichts von ihr; ihm ist alle Schuld, auch die vor Menschen gesühnte und entschuldigte, Schuld vor Gott, Sünde des einsamen Menschen, Sünde der Seele — denn die Seele ists die sündigt. Und solch gemeinsam-einsamem Flehen einer Menschheit in Sterbekleidern, einer Menschheit jenseits des Grabes, einer Menschheit von Seelen, neigt sein Antlitz der Gott, der den Menschen liebt vor seiner Sünde wie nachher, der Gott, den der Mensch in seiner Not zur Rede stellen darf, warum er ihn verlassen habe, der barmherzig ist und gnädig, langmütig, voll unverdienter Huld und voll Treue, der seine Liebe aufbewahrt dem zweimaltausendsten Geschlecht und vergibt Bosheit und Trotz und Schuld und begnadigt den, der umkehrt. Also daß der Mensch, dem so das göttliche Antlitz sich neigte, aufjubelt in dem Bekenntnis: Er, dieser Gott der Liebe, er allein ist Gott. So sehr liegt alles Irdische hinter dem Ewigkeitsrausch dieses Bekenntnisses, daß kaum vorzustellen ist, wie von hier aus wieder ein Rückweg in den Kreislauf des Jahres gefunden werden mag. Es ist deshalb für den Aufbau des geistlichen Jahres höchst bedeutungsvoll, daß die Feste der unmittelbaren Erlösung, mit dem der jährliche Kreis der Sabbate abschließt, selber nicht abschließen; vielmehr folgt das Hüttenfest als das Fest der Erlösung auf dem Boden der unerlösten Zeit und des geschichtlichen Volks ihnen noch nach. In der Allgemeinsamkeit der einen Menschheit war die Seele mit Gott allein gewesen; gegen solchen Vorgenuß der Ewigkeit wird nun in jenem Fest die Wirklichkeit der Zeit wieder in ihre Rechte eingesetzt; so kann der Kreislauf des Jahres wieder beginnen, in welchem allein uns die Ewigkeit in die Zeit zu beschwören erlaubt ist. 3) Spruch nach Kol Nidre; 4. B. M. 15, 26. *) Mischna Joma VIII, 9: „Übertretungen (in der Beziehung) zwischen Mensch und Gott sühnt der Versöhnungstag; Übertretungen von Mensch zu Mensch sühnt der Versöhnungstag nicht, — bis er seinen Genossen begütigt hat." 282