Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 5 (August 1934)
- Article
- Der Dichter Bialik
- Date
- 1934-08-01
- Page
- 225 (sequence 1)
- Language
- German
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Der Dichter Bialik Dem eben heimgegangenen Dichter Ch. N. Bialik ist ein Ausnahme-Schicksal beschieden gewesen; er genoß schon zu Lebzeiten das, was dem Auserwählten gemeinhin erst die Nachwelt verleihen muß: den verdienten Ruhm, geistiger Repräsentant eines Volkes, lebendiger und echter Ausdruck seiner Literatur zu sein. Einen solchen, der in sich gleichsam alles verkörpert, was die Geistigen einer Zeit bedrängt, bewegt und beflügelt, braucht jede Gemeinschaft; und die Literatur- und Religionsgeschichte kennt Beispiele genug, daß man sich Männer dieser Art, wenn man sie nicht hat, erfindet. Bialik sah ganz anders aus, als man sich die Genies vorstellt, wenn man sehr jung ist: eine derbe, primitive Erscheinung von bäuerlich schlichtem Gehaben, weder mit dem Worte geizend noch mit dem Lächeln und dem Händedruck. Fast könnte man sagen: der unbekannte Soldat des neuhebräischen Schrifttums, so wenig von Pose, Manier und Allüre; nichts vom Propheten, nichts vom Olympier — ein Mensch! Das südliche Rußland, dem er entstammte, hat seine Physiognomie bestimmt. Zu den Paten der neuhebräischen Literatur kann man mit einigem Recht auch einen Gogol und Turgenjew zählen; von allen Literaturen, mit denen man sie vergleichen kann, ist die neuhebräische der russischen am ehesten verwandt. Bialik war nicht nur Gorkis Freund, sondern ihm auch in vielem wesensähnlich. Allerdings, seine Domäne ist das Gedicht, und der Boden, aus dem er seine Kräfte gesogen hat, der nur scheinbar immaterielle Boden der Thora, Mischna und religiösen Spekulation gewesen: die unzerstörbare Welt des alten Judentums, die, von ihrer Ursprungsstätte verbannt, in jedem Lehrhause der Diaspora Urständ gefeiert hat und feiert. Der Dichter sah die Ährenfelder der fruchtbaren Ukraine wogen, die Schwalbe zwitscherte, das Heimchen zirpte am Herd; in seiner Seele lebte zugleich die Landschaft des fernen Kanaan mit den Weinstöcken und Feigenbäumen, wo Salomo noch von den Bäumen redete, mit der Libanonzeder angefangen bis zu dem Ysop, der aus der Wand sprießt. . . Mit der unmittelbar geschauten und täglich erneuerten Natur verwob sich ihm die seine Phantasie erfüllende, zeitlose, längst in Form gebrachte, geheiligte und von einer magischen Lebenskraft immer wieder glühende Natur der Bibel. Das kindliche Gemüt des Slaven, das auch ihm innewohnte, und das Erbe einer Überlieferung, die sich aus einer Zeit her- 225