Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Aus Herzls Frühzeit
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 196 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sehr musikalischen Stil, mit einer besonderen Fähigkeit, die Landschaft in feinen Linien zu skizzieren, die Stimmung in wenigen Worten durchklingen zu lassen. Sein Wortwitz, seine schnelle Auffassungsgabe, die Übung als Theaterschriftsteller in der Führung von Dialogen, in Erfassung und Herausarbeitung des Dramatischen, seine Besinnlichkeit, die das einzelne Faktum und Erlebnis in einen größeren Zusammenhang, in Leben und Welt einzugliedern suchte, alles das wirkte zusammen, um seinen Berichten einen ganz einzigartigen Charakter zu geben." Auch zu Herzls politischen Referaten meint Bein, daß sie „mit den Mitteln des ästhetisch-kritischen Feuilletons" geschrieben seien. Aber nun ereignen sich alle möglichen antisemitischen Zwischenfälle, auch Duelle zwischen Juden und Antisemiten, stärker werden die sozialen Kämpfe der Zeit, der Anarchist Ravachol wird zum Tode verurteilt. Herzl wird durch diese Ereignisse tiefer, denkender, er wächst an und mit ihnen, und entsprechend ändert sich auch der journalistische Ton: „Man erkennt deutlich die neue Betrachtungsweise. Das ist nicht mehr ein unverantwortliches Plaudern, ein ungebundenes Erzählen; aus dem witzigen Spötter ist ein ernster Beobachter geworden, die Ästhetik wird durch die Ethik verdrängt." Was ist das aber anderes (schade, daß sich Bein damit nicht beschäftigt) als eine absolute Parallele zur Verernstung der Literatur, die eben erst in Frankreich der so revolutionäre Naturalismus heraufgeführt hatte und der bei Zola schließlich folgerichtig in eindeutige politischsoziale Forderungen mündete? Bei Zola — und endlich auch bei Herzl, der freilich nur die Konsequenzen zog, zu denen ihn die bis dahin in Zwielicht getauchte jüdische Situation geführt hatte. Er wurde nicht Sozialist, aber doch jüdischer Nationalist: auch ihm wurde, genau wie Zola, das feuilletonistische, fast um seiner selbst willen geschaffene Wort zum Ruf, zum Aufruf. Wäre nicht der Dreyfuß-Prozeß in jene Zeit der sozialen und geistigen Unruhe hineingeplatzt, so hätte irgendein anderes Fanal die Parole gegeben. So entzündete die Affäre Dreyfuß das heilige Feuer. „J'accuse!" rief Zola — und es war eine reaktionäre Militärkamarilla, die er anklagte. „Wir Juden sind ein Volk!" antwortete Herzl. Und beide ließ die Erkenntnis nicht mehr los. Erich Gottgetreu Jahresabonnement des „Morgen" M 12.—, Einzelheft M 1.—. Für Bezieher im Ausland erfolgt Umrechnung in Reichsmark nach der Währung des Landes. Zahlungen sind auf das Postscheckkonto der Philo Verlag u. Buchhandlg. GmbH. Berlin Nr. 83512 zu leisten Manuskripte und Zuschriften sind an die Schriftleitung des „Morgen", Berlin W15, Pariser Str. 44 zu senden. / Für Manuskripte, die von der Schriftleitung nicht angefordert wurden, wird keine rechtliche Haftung übernommen; sie werden nur dann zurückgesandt, wenn Rückporto beiliegt. / Jeder Beitrag erscheint unter eigener Verantwortung des Verfassers. Nachdruck der Aufsätze ist nur mit Genehmigung der Autoren und des Verlages gestattet. Schriftleitung: Hauptschriftleiter: Dr. Eva Reichmann-Jungmann, Berlin. Verlag: Philo-Verlag und Buchhandlung GmbH, Berlin W15 Druck und Anzeigenannahme: Max Lichtwitz, Berlin SW19. — DA. II. Vj. 1850 196