Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1934)
- Article
- Friedrich Nietzsche und der jüdische Geist
- Date
- 1934-07-01
- Page
- 190 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895531-2904065--07269-2904128- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
das Verhältnis von „deutschem" und „jüdischem" Geist ziehen. Vor allem aber darf, soll, muß man allen unseren jungen Menschen empfehlen, falls sie zwischen ihrer körperlichen Ertüchtigung und geistigen Erwerbslosigkeit gelegentlich eine freie Stunde erübrigen können, nun den „Born Judas" zu lesen, und zwar so zu lesen, wie man zu unserer Zeit, vor hundert und tausend Jahren noch zu lesen gewohnt war: mit beiden Augen, mit offenen Augen und mit zitterndem Herzen. Leo Hirsch. Max Pinkus Am 19. Juni starb, 76 Jahre alt, zu Neustadt in Oberschlesien der KgL Preußische Kommerzienrat Max Pinkus. Er beschloß ein Leben, das ebenso reich war an sichtbaren Erfolgen und äußeren Ehrungen wie an verinnerlichter Beschaulichkeit, die den Lärm des Alltags floh und Einkehr hielt bei den kostbarsten Schätzen deutscher Geisteskultur: ein in bedeutendem Sinne ungewöhnliches Leben! Max Pinkus hatte — von 1887 bis 1925 — als Mitinhaber und als alleiniger Führer entscheidenden Anteil am Aufstieg einer nun über ein Jahrhundert alten deutschen Weltfirma, der Tischzeug- und Leinwandfabrik S. Fränkel in Neustadt, die er selbst schon in dritter Generation leitete. Es gibt kaum einen wichtigen Ehrenposten in seiner Vaterstadt und Heimatprovinz, den Max Pinkus nicht bekleidet hätte. Er war stellvertretender Vorsitzender der Handelskammer in Oppeln, Ehrenmitglied des Verbandes Schlesischer TextiUndustrieller, Stadtverordneter und Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Neustadt; er gehörte dem Kreistag und dem Vorstand des Jüdischen Museums in Breslau an. Ja — er wurde sogar von der Schützengilde seiner Vaterstadt zum Ehren - Vorsteher berufen. Erfahrungen, die er in seinen Lehr- und Reisejahren in Frankreich, England und den Vereinigten Staaten gesammelt hatte, befähigten ihn zur Leitung eines Wirtschaftsunternehmens, dessen „Feld die Welt" ist, und das er durch Kriegs-und Inflationszeit hindurchzusteuern verstand. 1903 erbaute er in Neustadt ein großes Krankenhaus, das er jahrelang selbst unterhielt und nach dem Kriege seiner Heimatstadt schenkte: ein bleibendes Denkmal für den Menschenfreund Max Pinkus! Nun aber — welcher Gegensatz zu dem im vollsten Lichte der Öffentlichkeit abrollenden Leben eines Großindustriellen! Zwischen Konferenzen, Reisen, Generalversammlungen, entscheidenden Dispositionen und all dem Hin und Her, das sein Wirken und die Mitwelt von ihm förderten, saß Max Pinkus fast 50 Jahre hindurch, wann immer es anging, in seiner mit Kultur- und Geistesgut erlesenster Art sich füllenden Neustädter Villa, tief versponnen in seine Liebhaberei oder — besser gesagt! — große Leidenschaft: das Büchersammeln. Und so ist allmählich jene große Schlesienbücherei entstanden, deren echte Atmosphäre Gerhart Hauptmann in seinem poetischen Gruß zu dem 70. Geburtstage des Freundes also beschworen hat: In dem Haus des Jubilares gibt es eine Tempelzelle, die den Zugang uns eröffnet 190