Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Eine Buchbesprechung als Glückwunsch [Rezension]
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 147 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895530-2903971--07209-2904042- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
lerischer Komposition verstummt vor der großen Freude, mit der der Leser hier beschenkt wird. Er liest diese Gespräche über die deutsche Judenfrage, zumal über die Stellung des jüdischen Dichters in der deutschen Umwelt. Und um ihn weht etwas von der reinen Gebirgsluft des Sanatoriums Georgshöh, um das herum die Waldwege so tief in die Liebe und in die Erkenntnis hineinführen. In diesem Buch bleibt nichts, auch nicht das Letzte über die verwirrten und verzweigten Zusammenhänge in der Judenfrage unausgesprochen. Und trotzdem ist es ein liebevolles, ein gütiges, ein keusches Buch. Der Vorzug der Gesprächsform wird meisterhaft genutzt: die Redenden tasten sich an ihr Thema, dessen tieferen Schichten mit apodiktischen Behauptungen schwer oder gar nicht beizukommen ist, von verschiedenen Seiten heran. Sie setzen hier das eine, dort das andere Licht auf — keines taugt für sich allein, den Gegenstand zu beleuchten — aber schließlich steht er in voller Helle da, schließlich weiß der also zum Sehen erzogene Leser, was es auf sich hat mit der deutschen Judenfrage. Dr. Justus Spira, dieser deutsche Dichter jüdischen Stammes, umfaßt nicht nur die Herrlichkeiten der deutschen Welt mit einer unausschöpfbaren Liebesfülle, er geht sogar in seinem Verständnis für die Gesetze der Abstoßung, die von dieser Welt gegenüber seiner jüdischen Art ausgehen müsse, so weit, daß er sich selbst nicht ohne Grund oft der Nachbarschaft des geistigen Antisemitismus zeiht. „Distanzliebe" ist der Begriff, in dem sich ihm schließlich dieser scheinbare Gegensatz löst, und den er an einer Stelle so auslegt: „Es gibt eine Tiefe der Seele, in die Rassenbesonderheiten oder gar Rassengegensätze nicht mehr hinabreichen. Aber der Weg zu dieser letzten Tiefe führt über das Bewußtwerden der Rassenbesonderheiten, nicht etwa bequem an ihnen vorbei." Spira macht es sich nicht bequem, ebensowenig mit dem aus auferlegter Distanz geliebten Deutschtum wie mit seinem bei aller erlaubten und empfundenen Hingebung höchst kritisch geliebten Judentum. Selbst der Zionismus, dem er anhängt und zu dessen realer Erfüllung er am Schluß die Hand bietet, wird mit unerbittlicher Strenge auf seinen Gehalt an tragfähigen Menschheitsideen hin geprüft. In einem vor letzter Selbstkritik nicht zurückschreckenden Wahrheitsdrang sieht er die zionistische Gefahr, die in dem Verhältnis der werdenden nationalen Gemeinschaft zur schicksalhaften Bestimmung jeder Nation, der Macht, liegt, und er bejaht das Palästina- Werk erst dann völlig, als sich ihm in dem Projekt eines jüdisch-arabischen Schulwerks sein echter menschheitlich-sittlicher Kern offenbart. Kaum ein Buch mag so geeignet sein, mit seiner Würdigung einen Glückwunsch an den Dichter zu verbinden wie dieses. Der Reichtum, den es gibt, beruht in der Gestalt seines Helden, der uns am Ende mit einer immer noch nicht zur Genüge gestillten Sehnsucht nach weiterem Suchen und weiteren Entdeckungsfreuden in den dunklen Sphären unserer aufgerührten Welt entläßt. Gibt es einen herzlicheren Wunsch zu Max Brods 50. Geburtstag, als daß wir mit starker Bereitschaft auf die Erfüllung dieser Sehnsucht warten? Eva Reichmann-Jungmann 147