Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1934)
- Article
- Eine Zeit stirbt
- Date
- 1934-06-01
- Page
- 140 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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schöne Frau (deren Schönheit wir glauben) durch eine brutale Krankheit verliert, daß sie ferner nicht nur für ihn stirbt und eben an ein er schein sterbesüchtig gewordenen Zeit. Auch sonst geht es melancholisch zu, weil viele Menschen zugrunde gehen, versinken oder verkümmern, aber wir werden doch auch nicht zu schwermütig gemacht, weil Hermanns kluge Rede uns zum Nachdenken bringt, nicht zuletzt zu der Einwilligung in den Gedanken, daß Untergehen, Verwelken, Verwehen auch ein notwendiger und darum kein unwürdiger Zustand ist. Was uns Georg Hermann, den Dichter des alten und des neuen Berlin, aber besonders wert macht, ist nicht nur die Kenntnis und Beschlagenheit in Sachen von Schicksalen und Zusammenhängen, die der Gesellschaft, der ganzen Feinmechanik der Zivilisation verhaftet sind, sondern er ist auch eingeweiht in das Weben der vegetativen Dinge, die wir weder hervorgebracht noch errechnet haben. Ein ausgezeichneter Landschafter, der uns so vertrauenswürdig im Schwabenland am Neckar wie in Charlottenburg an der Spree führt, der wirklich weiß, welche Bäume hier und dort wachsen, welche Vögel hie und da singen und welche so verschiedenen Himmel Ja dazu sagen. Es soll immer noch Dichter geben, die erst im Konversationslexikon nachschlagen, um sich zu überzeugen, welche Blumen in welcher Jahreszeit zu pflücken sind und welche Farben sie haben. Ich will Georg Hermann nicht zu einem Naturmenschen machen, dem die heimische Scholle an den Stiefeln klebt. Nennen wir ihn einen Stadtrandsiedler der Dichtung, aber einen von großer Erfahrung, der mit dieser Liebhaberei der allgemeinen Bewegung früh voran ging, einen späten Nachkommen unseres alten Nomadenvolkes, der seinen Garten lieben gelernt hat, der alle seine Sträucher und Blumen bei Namen kennt und der weiß, von welchen Blumen seine Lieblinge, die Schmetterlinge, am liebsten naschen. Arthur Eloesser Robert Friedlaender-Preditt Am 31. Mai ist R. F.-P., wie er selbst gerne zeichnet, sechzig Jahre alt geworden. Der Doppelname, von Anderen oft aus recht äußerlichen Gründen benützt, gibt in seinem Fall Aufschluß über die beiden sehr verschiedenartigen Quellgebiete, aus denen Blut und Wesen des ungewöhnlichen Mannes gezeugt und genährt worden sind. Der Vater entstammt dem jüdischen Patriziat des deutschen Oberschlesiens, einer Familie, in der die Elemente bester jüdischer Tradition und deutscher Geisteskultur in echter Verbindung fast unlöslich geeint sind. Der Vater Joseph Friedlaender geht aus dem kinderreichen Hause als Ingenieur erstnach Riga, dann nach Wien und gründet hier eine Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen. Er heiratet die Sängerin Beatrix von Prechtl, die Tochter des Gründers der Wiener Technischen Hochschule. Auch Robert soll Ingenieur werden, wird jedoch durch Krankheit des Vaters gezwungen, vorzeitig dessen Fabrik zu übernehmen. Aber das Erbe im Blut, die Atmosphäre im Elternhaus haben wohl auch in ihm 140