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Der Morgen · 1934-06-01 · Heft 3 (Juni 1934) · p. 139

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 3 (Juni 1934)
Article
Fremdlingschaft Jsraels [Rezension]
Date
1934-06-01
Page
139 (sequence 2)
Language
German
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,Eine Zeit stirbf' Die Jüdische Buchvereinigung hat als ihr erstes Erzeugnis den Roman „Eine Zeit stirbt" von GeorgHermann herausgebracht. Diesem Dichter hatte das deutsche Judentum schon vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren für die beiden schönen Romane um Jettchen Gebert zu danken, aus denen deutlich wurde, wie tief verwurzelt, wie fein verzweigt berlinische und jüdische Geschichte im 19. Jahrhundert waren. Wenn man bei einer Großstadt von Humus sprechen kann — der Asphalt kam ja auch erst spät —, so hat jedenfalls die jüdische Kolonie, wie der alte Fontane gern einräumte, ihr eine ansehnliche Schicht des seelischen Nährbodens zugetragen. Georg Hermann gehört zu den Erben Theodor Fontanes, zu den betrachtsam skeptischen Naturen, die nicht gern heroische Schauspiele aufführen und die vor allem dem märkischen Sand nichts Grandioseres zutrauen wollen als er in seiner Kargheit hergibt. Aus seiner jüdischen Abstammung hat Georg Hermann mehr Gefühlsweichheit als dieser Meister, mehr Richtung auf Jens Peter Jacobsen; doch mit beiden gemeinsam hat er die Lebensnähe und, trotz aller Ironie, die Lebensfreundlichkeit, in der die kleinen und so beständigen Dinge wachsen und wichtig werden. Es ist nicht wahrscheinlich, daß es in der nächsten Zeit wieder die stillen Dichter geben wird, mit denen man Hand in Hand, sehr freundschaftlich und vertrauHch gehen und so nachbarlich über den Zaun plaudern konnte. Da es jetzt von vielem Abschied nehmen heißt, ist wohl der letzte Augenblick, noch einmal auf ihre leisen Stimmen zu hören, uns von ihnen über uns erzählen zu lassen: woher wir gekommen, durch welche Wandlungen wir gegangen sind, damit, wie der Dichter in seinem Vorwort sagt, von uns mehr übrig bleibt als der zarte Abdruck eines Grashalms und eines Blättchens in der Kalkplatte der Versteinerung. In demselben Vorwort orientiert Georg Hermann über die vier Romane, die diesem gewiß erst vorletzten in der Serie vorangegangen sind. Da stürzen in der Inflation Existenzen zusammen, die, wie sich herausstellt, auch vorher schon zu leicht aufgebaut waren, und über die eine Art Resume gegeben werden muß, da wir nicht alle die früheren Romane in unserem Besitz oder in unserem Bewußtsein haben können. Die Zeit, die stirbt, ist die der zwischen 1870 und 80 Geborenen, also die des Dichters selbst, und die Zeit, die nachher kommt, verkündet sich in den Nachkommen, soweit vorhanden, die etwa wie die Tochter Fränze nicht mehr an derselben Last von Gefühlen und Hemmungen tragen, die einfacher, nüchterner nicht mehr so umständliche Rechnungen mit sich selbst anstellen. Überhaupt die Frauen! Georg Hermann hat bei uns den Erfolg (der immer ein produktives dichterisches Vermögen beweist), daß er uns in sie verliebt macht, daß wir den Duft, die Wärme oder die Kühle ihrer Haut atmen, daß wir bedauern, sie im Leben nicht kennen gelernt zu haben, oder daß wir uns an andere erinnert fühlen, die wir gern kannten. Es ist der Hauptinhalt dieses Romans, daß der Schriftsteller Fritz Eisner seine 139

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