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Der Morgen · 1934-05-01 · Heft 2 (Mai 1934) · p. 91

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 2 (Mai 1934)
Article
Sonne von versunknen Tagen [Rezension]
Date
1934-05-01
Page
91 (sequence 1)
Language
German
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„Sonne von versunknen Tagen." Hugo von Hofmannsthal, Nadilese der Gedichte. S. Fischer Verlag, Berlin 1934 Eine gebräunte Lade kostbaren alten Holzes klappt auf: mit welken Rosen zusammen sind, glaube ich, diese Gedichte in der schönen, männlichen Handschrift bewahrt worden; und wie manche der Blütenblätter haben die Lieder, leicht angewelkt, doch ihren Schmelz bewahrt. Der junge Hugo von Hofmannsthal spricht; aber es sind keine Anfängerarbeiten — kein „schlechtes" Gedicht ist darunter. Eine Fülle echter „Bildung", überall im Suchen schon Eigenes ausgestreut, Volksliedmotive frei neugestaltet, Anregungen des frühen wie des späten Goethe, antike Formen, Heines Töne schimmern durch, und doch spricht schon klar der junge Hofmannsthal. Die ersten seiner schönen Terzinen leuchten auf, Ghasele nach Rückerts Übersetzungen haben eigenen Klang: „Allein ich lieb* es, wenn sich einer freut, Weil er sein Handwerk kann; was heißt denn Kunst?" Welche Stimmungen, welche Erlebnisse des Achtzehnjährigen drängen in diesen brausenden 90er Jahren zum Lied, zum Licht? Kaum klingt Erotisches an, noch weniger Soziales. Der Blick wendet sich zur freien Natur, gibt mehr die halben, flüchtigen Stimmungen als große Bilder und kehrt bald, müde, ins eigene Innere zurück: „Nicht träumerisch, nicht wirklich froh, Halb künftiger Schmerzen süßdumpf bewußt, Halb sehnend um eine Zeit, die floh." Das Jahrhundert fühlt sich nicht nur zeitlich am Ende. Die Fülle der Stoffe und Formen früherer Zeiten, treu bewahrt, viel zu gegenwärtig in jedem Augenblick, bedrängen die Seele. Aus schwermütigen Augen sieht der junge Dichter in die Welt, die ihm in allem Reichtum schal erscheint, und rettet sich in ein geträumtes Reich der Schönheit, mit „blassen" Frauen, rotgoldnen Kronen, Perlschnüren schwer. . Und keine Tätigkeit hilft dagegen: auch ein Versbrief an Dehmel aus der Artilleriekaserne in Göding, wo Hofmannsthal sein Militärjahr abdient, gefüllt mit dichten gesehenen Bildern des Reiterlebens, klingt aus in die Klage: „Wie kann das nur geschehn, daß man so lebt, Und alles ist, als obs nicht wirklich wäre? Nichts wirklich als das öde Zeitverrinnen . . .?" Auch Hofmannsthal selbst hat später eine Wirklichkeit entdeckt, die ihm das Leben lohnte. Uns sind seine frühen Verse ein wehmütiger Blick zurück, in Sorgen, die nur der Überfluß als Sorgen empfand, in kleine huschende Bilder, an denen wir, anderer Sorgen voll, vorübergehen. Schließen wir, dankbar, die Lade zu: „Sonne von versunknen Tagen." H. B. Israel, Volk und Land. Jüdische Anthologie. Berlin 1934. Herausgegeben vom Hedtaluz, Deutscher Landesverband. Von den ehernen Worten der Heiligen Schrift bis zu Kongreßreden und politischen Programmen durchfließt ein Strom der Liebe und der Sehnsucht diese schöne und wertvolle Quellensammlung. Er 91

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