Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 1 (April 1934)
- Article
- Photograph im Orient
- Date
- 1934-04-01
- Page
- 42 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895528-2903777--07042-2903842- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Kamel als Zeichen, daß auch dort photographiert wird. Der Araber hält andere Staffagen bereit. Er hält es einerseits mit der Motorisierung, andererseits mit den wilden Tieren, und darin Hegt ein großer Teil des Orients beschlossen. Die Eisenbahn wurde übersprungen, man geriet vom Kamel aufs Auto. Doch das Auto ist schon so gewöhnlich, daß es keinen Ehrgeiz bedeutet, sich an einem Volant für die Nachwelt aufzubewahren. Es ist jetzt die Sehnsucht, im Flugzeug photographiert zu werden. Aber das Flugzeug muß fliegen. Der Mensch hat einen zu kleinen Kopf, wenn man ihn von unten im fliegenden Flugzeug photographiert, also muß der Mensch einen zu großen Kopf bekommen. Das sieht zwar abscheulich aus, aber selbst die abscheulichsten Menschen werden geliebt, wenn sie in einem Flugzeug fahren. Der Araber, der photographiert, weiß das genau so gut wie der Araber, der photographiert wird, und so ist der Wasserkopf im Flugzeug eine der beliebtesten Menschendarstellungen. Fast so beliebt wie die mit einem Löwen. Da steht es, das brüllende Ungeheuer, und daneben steht ein junger Mann im europäischen Anzug, der ihm leise den Kopf kraut. Das sind so Wunschträume. In Europa sind wir nun glücklich so weit, daß ein Mann ein Mensch sein darf, der sogar zu sagen wagen kann, daß er sich vor dem dunklen Wald fürchtet. Hier ist Mann Mann, und einen brüllenden Löwen übers Haar zu streicheln ist noch die geringste Heldentat, deren er sich rühmen möchte. T e rg it. Ein Doppelgeburtstag Größere Extreme als die beiden Jubilare des 18. April — Eugen Spiro feiert seinen sechzigsten, Ludwig Meidner am gleichen Tage den fünfzigsten Geburtstag — lassen sich innerhalb der Malerei deutscher Juden wohl schwerlich denken. Gewiß bedeutet ein Jahrzehnt heute im Kunstleben so viel an Entwicklung wie früher mindestens ein halbes Jahrhundert, aber es ist nicht dieses Faktum, das den entscheidendsten Abstand zwischen den beiden Künsüerpersönfichkeiten bedingt, nicht dies, daß der eine dem Impressionismus, dem beide entstammen, bis heute treu geblieben ist, während der andere (Meidner) zu den führenden Expressionisten gezählt hat. Das Anderssein liegt hier noch wesentlicher im Bezirk des Persönlich-Menschlichen, in ihrer Stellung zu Weltanschaulichem, und nicht zum wenigsten in der Verschiedenheit der Auffassung ihres Judenschicksals. Meidner, gebürtiger Schlesier, fühlt sich menschlich wie künstlerisch seinem Judentum tief verpflichtet. Seine biblischen Szenen, seine Propheten, seine betenden Juden sind alle aus dem Gefühl einer letzten Identifizierung heraus entstanden. Auch seine Landschaften — gewaltige Emanationen aus apokalyptischer Stimmung — sind religiös-mystische Bekenntnisse. Von einem anfangs übersteigerten Individualismus ging sein Weg zu immer bewußterer Einordnung in jüdische Gemeinschaft mit all ihrer kultischen Gebundenheit, von hier aus empfängt sein Schaffen immer wieder neue Antriebe. 42