Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 9 (März 1934)
- Article
- Salomon Dembitzer: "Die Geistigen" [Rezension]
- Date
- 1934-03-01
- Page
- 527 (sequence 1)
- Language
- German
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Solomon Dembitzer: „Die Geistigen" Da das sozusagen deutsch geschriebene Buch in einem holländischen Verlag, in gar stattlichem Format und auf prächtiges Papier gedruckt erschienen ist, erhebt sich zuerst der Verdacht, es könnte sich um „Emigranten-Literatur" handeln. Dieser Verdacht erweist sich rasch als ungerechtfertigt. Bei seinem wohl ersten Vorstoß in das Gebiet des deutschen Romans ist Herr Dembitzer vielmehr von dem schönen Ehrgeiz beherrscht gewesen, eine Satire auf den Betrieb und die Betriebsamkeit gewisser Litcratenkreise zu schreiben, und das hätte ein dankbares, wenn auch vielleicht nicht ganz zeitgemäßes Unternehmen werden können. Aber er hat sich ihm selbst wohl nicht so recht gewachsen gefühlt, und so hat er etwas verfaßt, was er augenscheinlich für einen Schlüsselroman hält. Ein paar Namen, ein paar Äußerlichkeiten sind so aufdringlich ähnlich formuliert, daß gerade der Kenntnislose, der Vertreter der großen Lesermasse, auf die Herrn Dcmbitzcrs Wunschträum c zielen, sich denken soll und muß: ach, der ist das! Der Anlaß lohnt nicht, sich grindsätzlich mit der gelegentlichen Berechtigung des Schlüsselromans auseinanderzusetzen. Herr Dembitzer ist kein Kunstschlosser, und sein grob und ahnungslos zusammengewcrkeltcr Schlüssel erschließt nicht einmal eine Clique, geschweige denn einen Menschen. So versucht er es mit Schmieröl. Die Neigungen eines masochistischen Feuilleton-Schriftleiters und die Gefälligkeiten einer bremenser Patriziertochter, durch die sie seine Sekretärin, schließlich seine Mörderin wird, bleiben uns nicht erspart. Auch nicht die recht eingehende Schilderung sämtlicher Symptome einer Geschlechtskrankheit. Schließlich wird auch die Höhe der Honorare oder Almosen genau verzeichnet, die besagte Patrizierin, groschenheftmäßig „von Stufe zu Stufe" sinkend, gelegentlich noch von alten Freunden erhält. Die Versuchung lag nahe, diesem üblen Machwerk mit verachtungsvollem Stillschweigen! zu begegnen. Wir ziehen aber doch das ehrlich« „Nicdriger-hängen" vor. 1.1. Über Familienforschung u Auf dem Gebiet der Familicnforschung wird heute innerhalb unserer Gemeinschaft im Einklang mit besten jüdischen Oberlieferungen eine rege Tätigkeit entfaltet. Stammbäume werden in großer Zahl angelegt. Die Forschungstätigkeit bemüht sich nicht nur, einige wichtige Daten, wie Geburtstage und Sterbetage, aus dem Leben der Vorfahren zu erfahren, sie versucht auch, Aufschlüsse über die charakd ihre Grenzen terlichen Eigenschaften der früheren Generationen zu erhalten. Denn Erbanlagen pflanzen sich, wie die Familicnkunde und Erblehre deutlich zeigen, fort; es gibt ein Erbgut in gutem wie in schlechtem Sinne und es ist daher notwendig, sich über die Erbanlagen klar zu werden. Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß z. B. die Berufsberatung, die heute eine so hervorragende Bedeutung 527