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Der Morgen · 1934-03-01 · Heft 9 (März 1934) · p. 526

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 9 (März 1934)
Article
Karäer kehren zurück
Date
1934-03-01
Page
526 (sequence 2)
Language
German
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rungen sind sie die direkten Nachkommen der Chazaren, jenes Volkes, das im selben Jahrhundert nach dem Vorgang seines Fürsten das Judentum angenommen hat. Noch heute lebt der Hauptteil der karaitischen Sekte — insgesamt etwa 15 000 Seelen — auf der Krim. Daneben gibt es kleine Splitter in Konstantir.opel, Palästina, Ägypten und, seit dem bolschewistischen Umsturz, auch karaitische Emigranten in Paris. Nicht ganz zweitausend Karäer leben in mehreren geschlossenen Kolonien, um Luck in Wolhynicn und Wilna, im Gebiete des heutigen Polen, wohin sie gegen Ende des 14. Jahrhunderts nach einer militärischen Niederlage durch den litauischen Großfürsten Witold verpflanzt worden waren. Sie bekennen sich zur schriftlichen Lehre, das heißt dem Gesetze Mosis, lehnen aber die mündliche Lehre, den Talmud, ausdrücklich ab. Sic essen also zum Beispiel auch die Hintervicrtel von Tieren und kennen nicht die Trennung von milchiger und fleischiger Kost. Ihre Gebetssprache ist hebräisch, ihre Umgangssprache ein finnisch-tartarischcr Dialekt, der eine eigene Literatur in hebräischen Charakteren entwickelt hat. Daneben beherrschen sie alle auch die polnische Sprache. Die Mehrheit der Karäer in Polen übt den Bauernbcaif aus. In ihren Synagogen hängen vom Herbst bis zur nächsten Aussaat Erntekränze. Die Körner aus den also geweihten Ähren werden im Frühjalir unter das Saatgut gemengt und sollen ihm auf diese Weise den Segen des Gotteswortes zuteil werden lassen. — Schon zu zaristischer Zeit waren viele Karäer Staatsbeamte und Offiziere. Die karaitischen Emigranten, die jetzt in Paris leben, mußten wegen ihrer weißgardistischen Betätigung nach dem Siege der Bolschewiken fliehen. Aber aucli der neue polnische Staat sieht Karäer gerne in seinen Diensten. Früher haben zwischen Karäern und Juden engere geistige Beziehungen bestanden, obwohl Tischgemeinschaft und Konnubium wegen des verschiedenen Rituals nie in Frage kamen. Aber seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Entfremdung immer stärker geworden. Im Jahre 1S33 richteten die Karäer von Troki bei Wilna eine Eingabe nach St. Petersburg, ihnen zu gestatten, sich „russische Karäer alttestamentarischen Glaubens" nennen zu dürfen. In der Begründung führten sie aus, daß sie „den Talmud ablehnten und sich durch ihre Lebensweise, Arbeitsamkeit, Ruhe, musterhafte Ehrlichkeit und Kaisertreue von den Juden unterschieden". Der Antrag wurde im Jahre 1863 endgültig bewilligt. Die Unterscheidungsmerkmale, die die Karäer für sich ins Feld führten, sind für die Juden sehr schmerzlich zu hören, aber sie trafen für die Vergangenheit in gewissem Maße zu. Die Karäer haben hohe Gestalt und edle Gesichter; die Männer tragen gepflegte Barte, die Geistlichen lange schwarze Soutanen. Orientalische Teppiche, ornamentrciche Flechtmatten und Schriftbänder bilden die Wandbespannung und den Bodenbelag ihrer Wohnungen, — ein Stück linearen Orients in den färben-und bilderfrohen slawischen Norden verpflanzt. Die Ansiedlung von Karäern in Palästina wird ethnographisch das Heilige Land um einen interessanten Zug bereichern. Ob die Entfremdung, die jetzt Karäer und Juden trennt, dann einer Wiederannäherung weicht, bleibt abzuwarten. H. R. 526

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