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Der Morgen · 1934-02-01 · Heft 8 (Februar 1934) · p. 483

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 8 (Februar 1934)
Article
Die Bedeutung der "Richtlinien"
Date
1934-02-01
Page
483 (sequence 1)
Language
German
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Die Bedeutung der „Richtlinien". Die jetzt veröffentlichten „Richtlinien zur Aufstellung von Lehrplänen für jüdische Volksschulen in Deutschland'* bedeuten einen wesentlichen Fortschritt. Die Reichsvertretung bekundet damit ihren Willen, ein einheitliches jüdisches Schulwerk aufzubauen. In der Reichsvertretung haben sich weltanschaulich verschiedene Gruppen zu gemeinsamer Arbeit zusammengeschlossen. Daß bei der Abfassung der Richtlinier, keine unüberbrückbaren Gegensätze aufgetaucht sind — diese Tatsache bedeutet unendlich viel. Die Herausarbeitung eines Bildungszieles vollzieht sich an der Grenze zwischen der Erziehung und den anderen Lebensmächten. Die Pädagogik kann im günstigsten Falle zeigen, auf welche Weise man bestimmte Ziele am besten erreicht. Welche Ziele aber erstrebenswert sind — diese Frage liegt streng genommen bereits außerhalb des Gebietes der Pädagogik. Ihre Beantwortung wird stets beeinflußt sein von der Rücksichtnahme auf die unmittelbaren praktischen Notwendigkeiten. Im übrigen gründet sich die Antwort auf Glaubensüberzeugungen sittlicher, religiöser und allgemein weltanschaulicher "Art und ist abhängig von Willcnsentscheidungen. Wenn wir uns also in einer so lebenswichtigen Frage, wie es die der Erziehung der heranwacliscnden Generation ist, einigen können, so besagt das, daß wir zu einheitlicher Willensbildung fähig sind, daß wir einen gemeinsamen Willen besitzen, daß wir wirklich eine Gemeinschaft sind, — oder doch wenigstens eine werden können. Dann nämlich, wenn all das, was beschlossen worden ist, nicht auf dem Papier stehen bleibt. Deshalb muß die Reichsvertretung den von ihr erlassenen Richtlinien Geltung verschaffen. Zwei Gefahren werden bereits heute sichtbar. Erstens: in einigen Großgemeinden wird es zwei oder mehr Schulen nebeneinander geben; es darf nun nicht dahin kommen, daß die auf dem Boden grundsätzlicher Einheitlichkeit mögliche Nuancierung zu weit getrieben wird, so daß doch wieder einseitig parteigebundene Schulen entstehen. Zweitens: neuerdings tritt gelegentlich die Neigung hervor, den Parteigeist, den man eben erst grundsätzlich aus der Schulstube verbannt hat, in die Lehrerbildung hinüberretten zu wollen. Lehrerbildungsanstalten entgegengesetzter Richtungen — das hieße der grundsätzlichen Einheitlichkeit unseres Schulwcrks das Grab schaufeln! Wir wollen Schulen, in denen Kinder aus liberalem, orthodoxem oder zionistischem Elternhaus zunächst einmal lernen, daß sie Juden sind, Glieder einer und derselben Gemeinschaft. Dazu brauchen wir Lehrer, die sich ihrer jüdischen Verantwortung bewußt sind, die stolz sind auf ihr Recht, dem Schüler das zu geben, was zu geben ihnen besonders am Herzen liegt, die aber auch die tiefe Verpflichtung spüren, der Jugend — wie es in den Richtlinien heißt — „aus dem doppelten Urerlebnis, dem jüdischen und dem deutschen", alle die Werte nahezubringen, deren Übermittlung unbedingt notwendig ist. Adolf Leschnitzer. 483

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