Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 8 (Februar 1934)
- Article
- Zwei Gedenktage
- Date
- 1934-02-01
- Page
- 478 (sequence 2)
- Language
- German
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Blut, und die Musikalität seiner Verse führten ihn mit Richard Strauß zusammen: die Opern„Elcktra", „Ariadne auf Naxos", der „Rosenkavalier" und „Die Frau ohne Schatten" sind die Frucht dieser Jahre. Auf die Belebung antiker Stoffe folgte die Neuschöpfung mittelalterlicher Volksspiele, des „Jedermann" und des „Großen Salzburger Welttheaters". Und erst über diese Stufe ausgebreiteter Kennerschaft und entsagenden Dienstes am kulturellen Gut der Vergangenheit wuchs der Dichter ganz zu sich empor. Seinen vollen dichterischen Ausdruck hat er vielleicht erst in der klaren tiefen Prosa des Romanfragments „Andreas oder die Vereinigten" erreicht, das man als „österreichischen Wilhelm Meister" dem Werke Goethes an die Seite stellen durfte; und wie in diesem Werke die Haltung eines politisch schon vergangenen Österreichs ihren letzten gültigen Ausdruck fand, so sammelte sich in seiner Person alles, was Jahrhunderte der Stadt Wien an Geist und Form geschenkt hatten. So ist er, in anderem Sinne freilich, als man es in seiner Frühzeit erwartete, wirklich Stefan George zur Seite getreten: der Dichter als Bcwalircr dem Dichter als Propheten. Er hat selbst diese Forderung, Hüter des Geistes der Nation zu sein, die er 1927 in einer großen Rede vor den Münchener Studenten an das „Schrifttum als geistigen Raum der Nation" stellte, für eine Nation erfüllt, die fast nur noch im geistigen Raum bestand. Aber er hat sich nicht darauf beschränkt, dem Leben der Vergangenheit Denksteine zu setzen, es zu sammeln und zu sichten, sondern hat aus einer geistigen Kraft und Freiheit, die über dem Tage stand, einer großen Zahl jüngerer Dichter fördernd geholfen, zu sich selber zu finden, wie noch jüngst Hans Carossas Erinnerungen ergriffen bezeugten. — Am 1. Februar wäre er 60 Jahre alt geworden. Hans Bach. * Am 3. Februar jährt sich Felix Mendelssohn - Bartholdys Geburtstag zum 125. Mal. Ein unwidersjehheher Zauber muß von ihm ausgegangen sein. Wer ihn sieht, fühlt sich von diesem liebenswürdigsten aller Menschen angezogen. Eine fast mädchenhafte Grazie macht ihn sofort zum Mittelpunkt jeder Geselligkeit, für die er dichten, malen, musizieren kann, in der er aber auch über die verschiedensten Wissenschaften zu sprechen weiß. Und dabei hat er nichts Dilettantisches: er spricht alle modernen Sprachen und liest Äschvlos im Original, er hält die Landschaftsbildcr seiner Reisen in Aquarellen fest, erläutert seine Briefe durch kleine Radierungen auf den Ecken und Rändern des Briefbogens — und er ist einer der lebendigsten Briefschreiber des romantischen Jahrhunderts, denn er schreibt gern. Es gibt Tage, an denen er 35 Briefe schreibt. Diese Universalität macht ihn zum Freund des alternden Goethe, der beglückt an Zelter schreibt: „Er macht mich meine eigenen Produktionen fühlen und über sie nachdenken." In der Musik ist Mendelssohn schaffender und nachschaffender Künstler zugleich, aber auch Organisator und Wissenschaftler. Man läßt heute gar zu gern nur mehr den Organisator, den Be- 478