Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 8 (Februar 1934)
- Article
- Mein Berufswunsch und die Wirklichkeit
- Date
- 1934-02-01
- Page
- 470 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strauß Zum Schluß eine echte Tragödie, die einzige vielleicht unter allen zwölfen — der Junge, der seiner inneren Berufung zum Schornsteinfeger nicht folgen kann: Vor 3 Jahren war mein Herzenswunsch, Schornsteinfeger zu icerdcn. Ich habe einige Anlagen dazu, hoffentlich ist dies keine Einbildung. Dieses Balanzieren, dieses in Gefahr Schweben begeisterte mich. Ob midi dieser Beruf ernähren würde, oder ob ich überhaupt Anstellung finden würde, war mir damals egal. Denn diese Frage war noch nie an mich herangetreten. Für mich stand es fest: Ich iverde Schornsteinfeger! — 3 Jahre später. Ein altes System ist gestürzt. Mit ihm meine Hoffnungen. Ich bin 3 Jahre meinem Leben nähergekommen. Mein Traum, Schornsteinfeger zu werden, ist verrauscht, weil ich nichtarisch bin. Der Ernst des Lebens tritt zum erstenmal mit seiner ganzen Bitterkeit an mich heran. Wie schwer es mir fällt, von diesem Beruf Abstand zu nehmen, weiß ich nur allein. Ich befinde mich in einer argrn Klemme, denn meinen zukünftigen Beruf, der natürlieli ein Handwerk wird, weiß ich noch nicht. Hoffentlich wird man mir zu einem guten und redlichen Beruf raten, damit ich nicht vom Lebensweg abkomme. Wir können nur hoffen, daß der „gute und redliche Beruf" nicht nur diesem Jungen, sondern den Altersgenossen seiner ganzen Generation zuteil wird. Die manchmal noch kindlichen Wendungen der Aufsätze sollen nicht darüber hinwegtäuschen, daß in diesen tastenden Überlegungen eine Schicksalsfrage der deutschen Juden um Antwort ringt. Fritz FriedIa<>nder. Bertha Badt-Strauß: Mendelssohns Tod Unbekannte Briefe einer Zeitgenossin Am 24. Dezember 17S5 sitzt in einem Berliner Gasthofzimmer die kurländische Pfarrerstochter Sophie Becker und schreibt einen Brief an Moses Mendelssohn. Weihnachtsliedcr tönen von der Straße zu ihr herein; sie denkt des lange verlorenen Kinderglaubens, dessen Glück ihr keine Vernunftreligion ersetzen konnte . . . und weiß keinen Einzigen, bei dem sie sich eher Rats erholen könnte in ihrer Seelennot als den Mann, „von dem sie glauben konnte, er würde sie verstehen, oder da, wo sie sich selbst nicht verstand, Licht hinhalten können" — Moses Mendelssohn. Der Beichtvater seiner Zeit hat auch ihr Vertrauen nicht enttäuscht; der letzte Brief seines Lebens, den wir kennen, ist dieser suchenden Seele geweiht. Wenige Tage später stirbt er. 470