Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Schmelztiegel Palästina
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 422 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedrich Brodnitz vorfinden, einfügen? Das hängt zunächst von der wirtschaftlichen Einordnung ab und von der gesellschaftlichen Schicht, in die sie hineinkommen. Wer — der seltenste Fall — mit so viel Geld kommt, daß er wirtschaftlich unabhängig ist, wird zwar bequem leben, es gehört aber eine ungewöhnliche seelische Aktivität dazu, um nicht in solcher Lage an dem wahren Leben des Landes vorbeizuieben. Aber auch, wer mit kleineren Geldmitteln sich eine städtische Position aufzubauen versucht, wird leichter einer Entscheidung aus dem Wege gehen können. Fast jeder kann mit ihm deutsch sprechen, er kann sich seinen Umgang aus Menschen des alten Kreises suchen. Es sind auch ganz andere Menschen, die sich hier zusammenfinden: nicht mehr der Wunsch, jüdisches Leben in Palästina zu leben, war entscheidend für ihre Übersiedlung, sondern der Wunsch oder der Zwang, die alte Heimat zu verlassen. Wenn man diese neuen Ankömmlinge in den Städten beobachtet, wird es verständlich, daß die Besten des Landes die geräuschvolle Konjunkturentwicklung, der kein entsprechender Wille zu neuer Gemeinschaft entspricht, mit Mißtrauen und Sorge betrachten. Ein Land, das noch keine gefestigte kulturelle Einheit besitzt, kann nicht tolerant in Fragen des Eigenlebens sein. Es muß restlose Einfügung verlangen. Die Führer sind sich durchaus der Gefahren bewußt, die aus einer nationalistischen Einstellung, aus Unduldsamkeit und Enge entstehen können, und die Haltung der heranwachsenden Generation kann den ruhigen Betrachter manchmal bedenklich stimmen, vor allem angesichts der schwierigen politischen Probleme. Es ist aber unmöglich, die Ansätze zu kulturellem jüdischem Eigenleben zu weiterer Entwicklung zu bringen, wenn nicht, selbst auf Kosten einer gewissen Engherzigkeit, der gewonnene bedingungslose Zusammenhang gehalten und auch den Neuen gegenüber durchgesetzt wird. Sonst könnte, so befürchtet man mit Recht, das Eroberte in kurzer Zeit wieder verlorengehen, zukünftige Möglichkeiten würden abgeschnitten und aus Palästina eine levantinische Kolonie werden. So groß auch die Bereitschaft ist, den neu ins Land Kommenden bei ihrer Unterbringung im Wirtschaftsleben zu helfen und sie über die Anfangsschwierigkeiten der Gewöhnung hinwegzubringen, so unnachgiebig wird das jüdische Palästina in der Forderung völliger innerer Einordnung sein und sein müssen. Die bei weitem stärkste Assimilationskraft geht von den engen Lebensgemeinschaften auf dem Lande aus. Hier treffen alle Umstände zusammen, die die Anpassung erleichtern: enger Lebenskreis mit wenig Ablenkung von außen, Menschen, die schon eine Tradition solcher Eingewöhnung haben, der Zwang dazu für den einzeln Neuhinzutretenden und die Erleichterung dieses Prozesses durch die konzentrierte jüdische Atmosphäre 422