Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Schmelztiegel Palästina
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 420 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895523-2903478--06792-2903538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Friedrich Brodnitz Sprache ihrer Gebete war und erst den Erfordernissen des Alltags angepaßt werden muß. Und sie stehen mit allen diesen Schwierigkeiten noch in einer politisch komplizierten Situation. Sie kommen zumeist aus Städten und städtischen Berufen und müssen nun, m ungewohntem Klima, unter gesundheitlichen Gefahren, sich an schwere körperliche Arbeit gewöhnen. Sie bringen nur zweierlei mit: den unbeugsamen Willen, dies Land als geschlossene Einheit zu erobern, nicht mit Gewalt, sondern mit Arbeit, und die Ueberzeugung von ihrem Anspruch auf dieses Land als Land ihrer Väter. Es ist dabei gleichgültig, ob sie wirklich die direkten Nachkommen des alten Israel sind; sie sind jedenfalls das letzte Glied in der Kette von Generationen, die um des Großen willen, das hier entstand, Leiden getragen und ihr jüdisches Schicksal gelebt haben. Sie legitimieren sich als Söhne des Landes durch die Tat, durch den Einsatz des Lebens. Die Geschichte des jüdischen Palästina wäre undenkbar ohne den fanatischen Willen, hier, auf dem Boden der Väter, wieder ein Volk zu werden. Sind sie es geworden, kann man schon von einer jüdischen Kultur sprechen? Man muß sich, um diese Frage zu beantworten, zunächst einmal klarmachen, daß in dieser Entwicklung Jahrzehnte nur Minuten bedeuten: kultureller Aufbau rechnet in Generationen. Die zweite, die dritte Generation erst läßt einigermaßen deutlich erkennen, wohin der Weg geht. Was die früheren Einwanderer an jüdischer Kultur mitbrachten, war nur ein wenig Baumaterial zw einem groß gedachten Gebäude. Das Leben des Ostjuden — und er stellte bis jetzt die erdrückende Mehrheit der Siedler — verlief zwar schon in Osteuropa meist im volklich begrenzten Kreise. Aber gleichzeitig hatte die Tragkraft eines den ganzen Menschen erfassenden religiösen Lebens, die die Stärke dieser Gemeinschaft ausgemacht hatte, auch dort an Intensität und Kraft stark verloren. Der größere Teil des neuen jischuw besteht aus Menschen, die nicht mehr als gesetzestreu bezeichnet werden können. Aber hier schon zeigte sich die eigentümliche Stärke des Landes, dem Judentum als Religion entsprossen war. Was früher getrennt war und dem Westjuden heute fast ganz getrennt ist, die Sphäre des religiösen und des täglichen Lebens, wächst hier von selbst wieder zusammen. Der jüdische Bauer, der mit dem Pflug über palästinensisches Land geht, erlebt sich als Nachfahre seiner biblischen Vorväter. Biblische Geschichte wird wieder eigene Geschichte, viele der religiösen Feste, aus Gegebenheiten des ländlichen Geschehens erwachsen, bekommen wieder ihren alten, natürlichen Sinn, ein Gebet um Regen wird auf einmal verstanden, der Schabbath wieder eine Tatsache des Lebens. 420