Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 7 (Januar 1934)
- Article
- Carl Melchior
- Date
- 1934-01-01
- Page
- 401 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Carl Melchior es hätte dieser ausdrücklichen Übertragung gar nicht bedurft. Seine Autorität war unbestritten und unbestreitbar. Worauf beruhte diese Autorität? Etwa auf dem Namen des großen Finanzmanns und anerkannten europäischen Sachverständigen? Wir Juden sind gläubig gegenüber Namen, Titel und Rang, vielleicht oft mehr als der Sache gut ist. Aber in diesem Falle wirkte doch ganz etwas anderes und weit Stärkeres. Es war vor allem die große menschliche Wärme und Güte, die von diesem Manne bei aller Kühle der Form ausging. Man spürte, er erlebte das Schicksal der Gemeinschaft wirklich mit, in einer Intensität, die bis zum Verzehr seiner Kräfte .ging. Diese gefühlsmäßige Beteiligung war gepaart mit scharfer Klarheit und Unbestechlichkeit des Verstandes. Wenn Melchior eine Sache, die man ihm vortrug, guthieß, so wußte man, daß in seinem Votum alle wesentlichen Gesichtspunkte verarbeitet waren. Widerriet er, hätte niemand es fertig gebracht, sie trotzdem zu unternehmen. Dabei waren es nicht Einzelkenntnisse und -erfahrungen, die seinem Rat dieses große Gewicht gaben. Es war das unvergleichliche geistige und menschliche Niveau, von dem aus er handelte. Es kam noch ein Drittes hinzu, und das war die Treue, die Unermüdlichkeit, mit der er alle und alles an sich heranbringen ließ. Immer hatte er Zeit. Die ihm näher standen, waren oft verzweifelt über den Mangel an Rücksicht, den man diesem Mann entgegenbrachte, von dessen schwerem Leiden sie wußten. Aber alle Versuche, hier Wandel zu schaffen, scheiterten an ihm selbst: er wollte nicht geschont sein, er wollte sich nicht sparen. Unwillkürlich wenden sich die Gedanken dem Manne zu, dem in der vorigen Nummer dieser Zeitschrift Worte des Gedenkens nachgerufen wurden: Ludwig Tietz. Die beiden Männer schätzten sich gegenseitig sehr. Den Impuls und Auftrieb des Jüngeren ergänzte der Ältere durch Erfahrung und kühle Überlegung. Beide einte die Verbundenheit zur Sache, der sie dienten. In die kurze Spanne ihres Zusammenwirkens fällt die bisher fruchtbarste Zeit des Zentralausschusses. Daß wir sie beide missen müssen, gehört zu der Tragik dieser Zeit. Cora Berliner. Die letzte Arbeit von JAKOB WASSERMANN i p erscliion unter dem Titel „Marie, aus einem neuen Homan" P im Oktoberheft des Morgen. Wenige Hefte sind noch lieferbar. Preis 1 M. j PHILO VERLAG UND BUCHHANDLUNG O. M. B. H. h Berlin W 15, Emscr Str. 42 I 401