Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1933)
- Article
- Ludwig Tietz
- Date
- 1933-12-01
- Page
- 337 (sequence 1)
- Language
- German
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DER MORGEN / MONATSSCHRIFT DER DEUTSCHEN JUDEN BEGRÜNDET VON PROFESSOR DR. JULIUS GOLDSTEIN. DABMSTADT Wie dürfte es anders sein, als daß dieses Heft, der jüdischen Jugend zugedacht, dem Andenken von Ludwig Tietz gewidmet wird? Erst jetzt, da wir den lebenden Menschen verloren haben, wissen wir mit der unwandelbaren Sicherheit, die nur das Endgültige verleiht, daß Ludwig Tietz alles umschloß, was uns an jüdischer Jugend Liebe, Aufgabe, Zuversicht bedeutet. Immer suchend und nie am Ziele, immer aufs Unmittelbare gerichtet und darum vorwärts drängend und mitreißend mit der Kraft des Begeisterten — so blieb er jung in dem Sinne, der Jungsein zum Zustand der Begnadung schlechthin macht. Und weil sich in ihm jüdische Jugend symbolhaft verkörperte, weil man Ludwig Tietz dachte, wenn man über sie aussagen wollte, deswegen war er ihr mehr als ein Führer: er war ihr Inbegriff geworden, und es war ihr aufgegeben, sich am Maße seines hohen jüdischen Menschentums zu ihm als zu sich selbst emporzubilden. Jugendlich war das große Leuchten, das um Ludwig Tietz war. Wo er erschien, da strahlte Freude auf, da richtete sich jede Regung ihm als dem natürlichen Mittelpunkt zu, da lockerten sich Krampf und Stumpfheit. Jugendlich war seine kompromisslose Unbedingtheit, seine lachende Tapferkeit, mit der er um sich schlug, wenn es galt, der Lauheit und Feigheit die billigen Masken zu entreißen. Jugendlich war die Gefahr, die ihn umwitterte, die immer auf seinemWege stand und die ihn uns lieben machte, unkritisch, bedingungslos, auch wo uns unsere kleineVernunft dazu getrieben hätte, mit ihm zu rechten. 9. JAHRGANG DEZEMBER 1939 HEFT S 337