Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 5 (November 1933)
- Article
- Thomas Manns neuer Roman [Rezension]
- Date
- 1933-11-01
- Page
- 335 (sequence 1)
- Language
- German
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Thomas Manns neuer Roman Darf es uns wundernehmen, daß ein Schriftsteller wie Thomas Mann sich angezogen fühlt von einer so geformten und doch so „interessanten" Gestalt, wie es die des biblischen Joseph ist? Bisher zwar hat mehr die bildende Kunst — wir brauchen nur an Rembrandt zu denken — als die Dichtung aus diesem Stoff geschöpft, eben weil er sich schon in der Bibel zu einem geschlossenen Roman verdichtet; doch dem Realisten ist es um „Finden, nicht Erfinden" zu tun, und auch für die Deutung des Psychologen bleibt genug Platz und Spielraum. Aber der erste Band der angekündigten Trilogie „Joseph und seine Brüder" reizt, gerade was die Hauptfigur betrifft, einstweilen mehr unsere Erwartung als er sie stillt. Denn der Dichter zeigt uns zwar zu Anfang den 16jährigen Joseph in leuchtender Mondnacht am Brunnen unter der uralten, träumeschweren Terebinthe im Gespräch mit seinem Vater, wendet sich dann aber von ihm ab, um „Die Geschichten Jaakobs" zu erzählen, und kehrt in kunstvollem Bogen erst am Schluß des umfangreichen Bandes wieder zum Eingang zurück. So wird eigentlich der ganze Band zur Einleitung und, darüber hinaus, zum Fundament des künftigen Gebäudes. Denn nicht nur in einer längeren Vorbemerkung, „Höllenfahrt" überschrieben, sondern auch im Verlauf der Erzählung selbst setzt der Dichter sich immer wieder mit der Frage auseinander, was für Zeiten, was für Menschen es seien, die er da zu schildern vorhabe. Vieles durchschaut er selbst, gewiß: es sind Menschen von alter hoher Kultur, Menschen wie wir im Grunde, wenn auch ihr Bewußtsein von sich selbst „nach hinten offen", der mythischen Eins-Setzung mit den Vorfahren geneigt ist, wenn auch ihr Denken sich nicht in Begriffen, sondern in Gedankenbildern, im mythischen Vergleich und in Assoziationen vollzieht. Für anderes aber, nämlich z. B. für die Frage nach dem Inhalt dieses Denkens, mußte er die Wissenschaft zu Rate ziehen, und so gleitet ein Gewimmel babylonischer und ägyptischer Mythen an uns vorüber, eine wissenschaftliche „Kulisse", wie Thomas Mann selbst sagt, eine graue Mythologie, die niemand in das Reich klarer Gestaltung zu heben vermag, ja, die gerade das entscheidende Problem verdeckt. Denn Jaakobs tief eindrucksvoll dargestelltes „Sinnen" könnte mit all solchem Denkstoff nicht weit geführt haben; ein Hang zum „geistlichen Gespräch" ist denn doch etwas anderes als jene glühende Leidenschaft zu Gott, die allein sich inmitten wirrer Götterlehren zum Gedanken des Einzigen erheben konnte; und warum sollte dieser harmlos friedliche Mann des Kampfes mit einem englischen Wesen gewürdigt worden sein, aus dem er für Israel den Namen empfing? So also, ohne das Zentrum, aus dem in der Bibel jede Einzelheit ihr Licht empfängt, wird die Geschichte Jaakobs zu „den Geschichten Jaakobs". Doch diese Geschichten erzählt und beleuchtet ein Meister. Er hält sich streng an die vorgegebenen Szenen, aber er füllt sie mit reichem 335