Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1933)
- Article
- Umschau
- Date
- 1933-10-01
- Page
- 270 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau möglich festzustellen, daß der Kreis der betroffenen Persönlichkeiten aus der Inneren und Justizverwaltung weit geringer ist als im allgemeinen angenommen wird. Es dürfte sicli bei den höheren Beamten aus diesen beiden Verwaltungszweigen in ganz Deutschland um nicht mehr als 500 Personen handeln, die zum Teil seit Jahrzehnten im Dienste des Reiches und der Länder stehen, also um etwa 1,2«o der gesamten höheren Beamtenschaft, ein Prozentsatz, der der Gesamtzahl der Juden im Verhältnis zur Bevölkerung durchaus entspricht. Wenn auch nach nationalsozialistischer Auffassung eine Einbeziehung der Juden in das kulturelle und politische Leben der Nation nicht wünschenswert ist, so soll doch im allgemeinen die scharfe rassenpchlische Scheidung auf dem Gebiet der Wirtschaft nicht durchgeführt werden. Doch ist auch die Entwickhing hier noch fließend, und ein endgültiges Urteil über den Umfang des jüdischen Wirtschaftssektors, der sich wird erhalten können, wird erst in Monaten, vielleicht erst in Jahren gesprochen werden können. Aber gleichgültig wie die Prognose hier gesehen wird: schon die Ausschaltung einiger tausend Ärzte und Juristen, Beamten und Angestellten bedingt die Notwendigkeit einer umfassenden Lösung der Berufsumschichtungs- und Umsiedelungsfrage, die bisher leider noch in den ersten Anfängen haften geblieben ist. Der Prager Zionistenkongreß, der von den deutschen Zionismen nicht beschickt war, hat die Erwartungen, die vom rein wirtschaftlichen und Siedlungsstandpunkt aus an ihn geknüpft waren, nicht erfüllt. Er hat sich, wie auch das deutsche zionistische Organ, die „Jüdische Rundschau", zugeben muß, in großen Debatten fast erschöpft, ohne den klaren Weg zu zeigen, der einer beträchtlichen Anzahl deutscher Juden einen Ausweg nach Palästina geboten hätte. Ebensowenig kann die sogenannte „Internationale jüdische Konferenz" in Genf, die Anfang September einberufen war, als Beitrag zu einer Linderung jüdischer Wirtschaftsnot in Deutschland betrachtet werden. Sie hat sich für die Einberufung eines Jüdischen Weltkongresses erklärt und sich für das von uns bekämpfte Verteidigungsmittel des wirtschaftlichen Boykotts entschieden. So wenig wir derartigen Proklamationen, deren Hintergrund nicht immer allein ein jüdisches Hilfsmotiv sein mag, einen praktischen Wert beizumessen vermögen, so herzlich und erfreut begrüßen wir die Wahl eines jüdischen Führerrats, in dem anerkannte Persönlichkeiten des deutschen Judentums sich zusammenfinden, um den gemeinsamen Interessen der deutschen Juden nach außen und innen eine wirksame Vertretung zu geben. Eine Aufzahlung der Persönlichkeiten des Führerrats, an dessen Spitze beo-5ac,^ steht' erübri^ sich mit Rücksicht auf die zahlreichen Veröffentlichungen der jüdischen Presse. %* 270