Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 3 (August 1933)
- Article
- [Rezension] / Edinger, Dora
- Date
- 1933-08-01
- Page
- 230 (sequence 1)
- Language
- German
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Anzeigen Louis Golding: Magnoli» Street. Verglichen mit dem Anteil der Juden an der deutschen und französischen literarischen Produktion inden allerletzten Jahren — die eine erstaunliche Fülle verschiedenster Talente aufzuweisen hat — ist ihr Anteil in England außerordentlich klein. G. B. Stern, die Lei uns seltsamerweise völlig unbekannte Verfsaserin einer (Galsworthy gewidmeten!) jüdischen Forsythe- Saga.'ist wohl die einzige Autorin, die man nehen Louis Golding nennen kann, der bisher (obgleich Einzelstücke aus seinen Reisebüchern in deutschen Zeilschriften erschienen) auch bei uns noch wenig gelesen wird. Vermutlich wird der „Best-seller", Magnolia Street", der in England viel beachtet wurde, in nicht allzu ferner Zeit auch ins Deutsche übersetzt werden; wir werden dann wohl auch die früheren stark autobiographischen Romane Geddings lesen, die — von Zangwill noch enthusiastisch begrüßt — im Laufe Jos letzten Jahrhunderts erschienen sind. Wer ist Louis Golding? Ein junger (1890 geb.) Autor ostjiidischer Abstammung, der seine ersten Jugendeindrücke in den düsteren Straßen Manchesters empfing, und der in leidenschaftlicher Abwehr gegen diese menschenunwürdige Häßlichkeit sich auf Wanderungen an den Miltehncerküsten mit Wärme und Schönheit vollsog; dessen erste Werke bestimmt sind von dem Verlangen: die brennende Sehnsucht nach der Schönheit der Antike zu vereinen mit der spirituellen Glut seines ostjüdischen Erbes. Seine Frühwerke, künatleri>ch oft grell und überdeutlich (etwa „Forward froin Babylon** und „Day of Aloncment"), haben vor dem jetzt erschienenen, großen Romanwerk unmittelbare Leidenschaft des Erlebens voraus. „Magnolia Street" ist die Biographie einer armseligen Straße in einer düsteren englischen Industriestadt zwischen 1910 und ig3o; auf der einen Straßenseite wohnen die Christen, die langsam sich vor den in dies Viertel eindringenden Juden zurückziehen, während die andere Seite schon zu jenem ostjüdischen Ghetto gehört, dessen Schilderung — wie in den früheren Werken Goldings — auf starke Kindheitserlebnisse zurückgehen muß. Ungewöhnliche Ereignisse — Unfälle, Verbrechen, geheime Liebesbündnisse — bringen die einander fremden Elemente in Berühurng; uralte Leidenschaften erwachen: die Kriegszeit, mit der Gewalt des großen gemeinsamen Erlebens, läßt beinahe eine Gemeinschaft entstehen: Mischehen werden geschlossen, sind teils glücklich, teils unglücklich; Gute und Büse leben auf beiden Straßenseiten. Der Autor 2fcigt, wie alle Unterschiede vor den die menschlichen Tiefen aufrührenden Erlebnissen, den Kriegserlcbnissen verschwinden — zeitweilig wenigstens, und wie sie dann mit aller Stärke wieder erstehen, sobald das normale ruhige Alltagsleben an der geglätteten Oberfläche sich wieder abspielt. Der Schlußteil des Romans (im Jahr iq3o) gibt dann dem Autor Gelegenheit, die Träger einer fast an Dickens gemahnenden Fülle von Einzelschicksalc-ri h-~-« einem Fest vereint zu zeigen: aber gerade dieser Abschluß hat für deutsche Leser einen allzu süßlichen Geschmack! des „happy-end"; wir sind solchen sonnigen Zukunftsaussichten gegenüber ein wenig skeptisch, ein wenig kritisch. Die Propagierung der Assimilation (übrigens genau so im Work der Stern) erreicht nicht ganz unserer heuligen Haltung, sondern eher der unsrer in diesen Dingen viel optimistischeren Eltern. In England liegen die Verhältnisse augenscheinlich anders, wobei dahingestellt sei, ob noch für lange. Golding hat, wie die Nachschrift beweist, seinen Roman in Deutschland verfaßt; vermutlich hat er hier die großen und brennenden Fragen, um die es für den Juden heute geht, aus nächster Nähe kennen gelernt. Wir erwarten von seiner starken Begabung noch ganz andere Werke, in denen er bis zum letzten, ohne jede schönfärbende Konzession an sein Publikum, die innere und äußere Not des Juden gestalten soll. Dora E ding er. 230