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Der Morgen · 1933-06-01 · Heft 2 (Juni 1933) · p. 138

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 2 (Juni 1933)
Article
Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
Date
1933-06-01
Page
138 (sequence 1)
Language
German
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Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie Von Ernst Cassirer II. Die beiden Quellen der Sittlichkeit und Religion1) Es gibt nach Bergson keine andere Form der Erkenntnis des Göttlichen als diejenige, die sich durch eine bestimmte Lebcnsgcstalt bezeugt, die sie hervorbringt und die sie als Vorbild vor uns hinstellt. Alle wahrhafte, alle dynamische Religion geht in dieser Form der Verkündigung auf; sie kennt keine andere Kraft und sie bedarf keiner anderen Kraft als derjenigen, die unmittelbar in dieser Weise der Verkündigung selbst liegt. Die statische Religion, die durch die Macht der Sitte und Gewohnheit, der Überlieferung und des Herkommens wirkt, ist nach Bergson eine Moral des Druckes; die dynamische ist eine Moral der Berufung. In jener nehmen wir eine Last auf uns, die uns auferlegt wird; in dieser folgen wir einem Ruf, der aus unbekannter Feme zu uns tönt, der uns fortreißt und vorwärts treibt. „Seit jeher" — so sagt Bergson — „sind in ' - Menschheit einzelne Auserwählte aufgestanden, in denen diese Moral sich verkörpert hat. Vor den Heiligen des Christentums hat die Menschheit die griechischen Weisen, die Propheten Israels, die Predigt des Buddhismus gekannt. Immer hat man sich an sie gehalten, um jene vollkommene Moral, die man besser die absolute nennen sollte, zu besitzen. Und schon dies zeigt uns einen lehrreichen und charakteristischen Unterschied. Während die eine Form der Moral um so reiner und vollkommener ist, je mehr sie sich auf unpersönliche Formeln zurückführen läßt, muß die andere, um wahrhaft sie selbst zu sein, sich in einer großen bevorzugten Persönlichkeil verkörpern, die zum Beispiel und Musterbild wird. Warum haben die Heiligen Nachfolger gefunden und warum haben die großen sittlichen Individuen die Massen bewegt und sich nach- 1) Siohe hierzu Nr. x, IX. Jahrgang. 138

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