Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Der Rabbiner als geistiger Führer
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 105 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Wiener: Der Rabbiner als geistiger Fübrer Damit ist auch die historische Kontinuität dieses Berufes gewahrt, der Zusammenhang des gegenwärtigen Rabbineramtes mit den Vertretern des alten Rabbinats, wie sie bei uns zulande noch etwa bis zum Ende des ersten Drittels des vorigen Jahrhunderls wirkten. Ward aber das Judentum jener alten Tage wesentlich als religionsgesctzlich geregelte Lebensverfassung empfunden, innerhalb deren der Rabbiner bei gesetzlichen Fragen und Zweifeln Auskunft zu geben hatte, so ist seither mit der gewandelten Auffassung von seinem Inhalt die Aufgabe der Verkündigung der Religion wesentlich anders geworden. Indem unsre Gebundenheit an eine klar umschriebene jüdische Idee und an jüdische Lebensweise sich mehr und mehr löste, indem wir, eine schwache zersplitterte Minderheit, dem Einstrom aller möglichen Gedanken von außen her unsre Seelen weit öffneten, war eine gänzlich neue Lage geschaffen. Das Judentum teilte nicht bloß als Religion mit den andern alle Schwierigkeiten, die sich aus der modernen Säkularisierung des Lebens ergaben, ja, es sah sie für sich noch gesteigert durch die ungeheure Cbcrhaslung, mit welcher allenthalben unsre der alten Bindungen entfesselten Menschen sich des Neuen und Allerneuesten zu bemächtigen suchten. Es stellte sich zudem bald heraus, daß das Judentum auch nach seiner Ablösung von volkhafter Existenz im geschlossenen Kreise des Ghettos neben seiner religiösen Bedeutung eine Fülle von sonstigen Gehalten und geistigen Kräften besaß, die einem eigentlich religiöser Beeinflussung schwer zugänglichen Geschlecht Wichtiges zu geben hatten. So tritt neben die seelsorgerliche Arbeit und die neuerdings so wichtig gewordene Teilnahme an den sozialen Veranstaltungen der Gemeinde ein besonderer Anspruch an das Lehramt des Rabbiners heran, das nicht bloß der Schuljugend gewidmet ist, sondern sich an alle wendet, die aufnehmen und hören wollen. Ja, die Notzeit, in der wir leben, welche die Sorge für die materiellen Notwendigkeiten in den Mittelpunkt aller Gemeindearbeit zu rücken scheint, muß ihm um so mehr das Gewissen für den geistigen Kern seiner Gesamtaufgabe schärfen, weil er die Verantwortung für die Erhallung dieses Sinnes trägt. Wir deutschen Juden werden uns in diesem Moment der schwersten Erschütterung unsrer Existenzgrundlagen innerhalb des deutschen Volkes eines ganz eigentümlichen seelisch-geistigen Dualismus bewußt. Wir denken dabei nicht an eine Zwiespältigkeit von deutschem und jüdischem Kullurgehalt, gemäß der Zweiseitigkeit im Bewußtsein einer Nationalität, die in fremdnationaler Umwelt eine Synthese ihres Vätererbes und des von der Umgebung her gewonnenen Gutes aufbaut, wie die ungarländischen Sachsen oder die Franzosen in Kanada. 105