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Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 160

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
[Rezension]
Date
1932-06-01
Page
160 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen erscheinenden Werkes von dem zukünftigen Verfasser ein kurzer orientierender Aufsatz erschienen: Dr. Max Hildebert Boehm, Volkstheorie. Schumann vertritt gegenüber diesen Anschauungen in seiner interessanten und wirkungsvollen Rede einen konservativeren Standpunkt. Ausgehend von der volkbildenden Bedeutung des Reichsgründungstages und anderer nationaler Feiertage glaubt er feststellen zu können, daß nicht die Gemeinsamkeit von Sprache, Boden oder Kultur, wie man es oft genug hört, die Volkheit konstituieren. Die mit anderen Gruppen gemeinsame Sprache muß nicht dem Aufgehen in ein fremdes Volk im Wege stehen, wie am Schweizervolk gezeigt wird, das für Schumann nicht nur eine Staatsnation ist, sondern mehr. Er erklärt ferner das Heimatbewußtsein für partikularistisch und beschränkt es auf kleine Räume, Dorf, Tal, See, Stadt; eine Kultur endlich, meint er, kann übertragen werden, ohne daß das Volkstum mit übertragen würde. Zahllose historische Beispiele erweisen das. Das ein Volk konstituierende Element sieht Schumann dagegen allein im Staat. Der Staat schafft nach ihm ein Volkstum, indem er die Form für ein gemeinsames, die Seele seiner Menschen tief erschütterndes und aufwühlendes geschichtliches Handeln, gewissermaßen für ein heiliges Handeln, ist, das ständig im Volk bewußt bleiben muß. Wenn er dagegen nur passiv hinzunehmende Ordnung ist, wirkt er volkszerstörend. Die schweizerische „Eidgenossenschaft" mit ihrer jährlichen populären Bundesfeier, mit ihren zahlreichen Schweizer Volksfesten wird als Grenzfall eines echten Volkes aus drei verschiedenen Sprach- und Kulturgemeinschaften eingehend geschildert. Am Beispiel des jüdischen Volkes, über das Schumann als protestantischer Theologe ex cathedra sprechen kann, wird dann gezeigt, wie auch hier vom Auszug aus Ägypten an das geschichtliche Werden des heiligen Gottesstaates das Volk aus Einzelstämmen erst geschaffen hat. Zugleich erscheint Schumann das jüdische Volk als ein Musterbeispiel dafür, wie auch nach Untergang des volksbildenden Staates sich ein Volk erhalten kann. Insofern als das religiöse Geschehen des Alten Testaments noch als Volksgeschehen gefühlt wird, bestehe trotz aller Vermischungen und Verflechtungen in neue Kulturen und Staatsvölker der alte Volkszusammenhang weiter. Daß es fast überall in der Welt noch heute eine nationale Judenfrage gibt, schreibt Schumann zu einem Teil dieser zweifellos zutreffenden Tatsache zu, daß noch immer bei einem mehr oder weniger beträchtlichen Teil der Weltjudenheit die religiöse Überlieferung zugleich als Volksüberlieferung gefaßt wird. Der Zionismus fügt sich in diesen Rahmen als eine Renaissance des jüdischen Volksgefühls. Auch von der negativen Seite her scheint die Geschichte der Judenemanzipation, die von Schumann nicht näher betrachtet wird, ihm hier in der Tat recht zu geben. Denn mit dem Aufgehen der Juden in das deutsche, französische, englische, italienische und amerikanische Volk seit Ende des 18. Jahrhunderts sind die großen nationalen Feste, die jedes Jahr durch ihre Mahnung ..aus der Vergangenheit die inneren Bindungen im Bewußtsein dieser Völker immer neu an die Oberfläche heben und stärken, in gleicher Weise Feste der betreffenden jüdischen Gruppen geworden. Die jüdischen Feste dagegen wurden rein religiös, soweit nicht im Zionismus eine bewußte volksmäßig begründete Gegenbewegung einsetzte. Über das Verhältnis von Volk und Staat wird sich an Schumanns Schrift wohl noch eine klärende Diskussion der verschiedenen Richtungen anschließen müssen. Für die Frage der Begrenzung der Volkszugehörigkeit dagegen hat Schumann wohl eine ausgezeichnete und klare Begründung für die These geliefert, daß ein jeder zu dem Volk zu rechnen ist, dessen nationale geschichtliche Feiertage er als seine Feiertage, dessen historische Bindungen er als seine Bindungen empfindet. Fritz Heichelheim. Inhalt des letzten Heftes: Hans Bach: „Was kommt danach?" — Heinrich Frick: Wider die Ächtung des Liberalismus. Nachwort zu Hans Bach. — Michael Müller-Claudius: Psychologie des Hassens. — Alfred Marcus: Die Berufswahl der Jugend. — I. Heinemann: Die griechische Weltanschauungslehre bei Juden und Römern IV. Schluß. — Ludwig Rosenthal: Jüdisches Mittelalter in Frankreich und Deutschland. — Arno Nadel: Aus dem „Hebräischen Diwan". — Wilhelm Michel: „Das Reich". — Eva Reichmann- Jungmann: „Der Untergang des Judentums". — Mauritius Kahn: Bestand und Untergang der deutschen Juden. Antwort an Constantin Brunner.

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