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Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 87

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
Vom politischen Haß zur politischen Lauterkeit
Date
1932-06-01
Page
87 (sequence 1)
Language
German
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Vom politischen Haß zur politischen Lauterkeit Ein Vorschlag zum Rechtsschutz der Wahrheit in der öffentlichen Auseinandersetzungx) Von Michael Müller-Claudius In keinem Lande der Welt ist das Recht der freien Meinungsäußerung so sehr zum Recht der Schimpffreiheit geworden, wie in Deutschland. In keiner Nation ist der Volkswille zur Gemeinschaft so sehr zersetzt und zermürbt, wie in unserem Vaterlande. Der politische Kampf ist nicht mehr ein Kampf um die Volksgemeinschaft, sondern ein Kampf gegen die Volksgemeinschaft geworden. Es gibt kein Land, in dem die Suggestivmittel der politischen Auseinandersetzung so außersittlich gewählt sind, wie bei uns. Kein Land, in dem die politische Sitte so zuchtlos und zynisch mißachtet wird, kein Land, in dem das Ethos der Wahrheit, die Erfüllung des sittlichen Anspruches auf sachliches, gerechtes und verstehendes Denken in der politischen Auseinandersetzung, der im Volksstaat zugleich ein grundlegender Anspruch nationaler Kultur ist, so mißachtet und damit das verantwortungslose Denken so gezüchtet wird wie bei uns. Kein Land, in dem der Andersdenkende so beschmutzt, verächtlich gemacht, so verfemt wird und dadurch die Feindseligkeit des Denkens, die Unseligkeit und Unfruchtbarkeit des politischen Hasses gegen Gruppen und Sohne der eigenen Nation so hemmungslos in das Denken und Fühlen der Volksgemeinschaft eingeimpft wird. Es ist sinnloser, beschämender Brauch geworden, daß jede Volksgruppe alle anderen Volksgruppen als die böswilligen Schuldträger an aller Not, als „Verräter" des Volkes anschaut. Wir stellen keine Schuldfrage. Sie ist müßig. Wir stellen die Überwindungsfrage. Sie geht jeden Deutschen an. Vergl. den Aufsatz „Zur Psychologie des Hassens" im Aprilheft 1982 dieser Zeitschrift. 87

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