Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Die griechische Weltanschauungslehre bei Juden und Römern
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 48 (sequence 7)
- Language
- German
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I. Heinemann leichtert; die Juden haben im Altertum, wie wir wissen, nicht verfehlt, den Gott der griechischen Wissenschaft gegen die Götter des griechischen Lebens auszuspielen, für deren Kult man ihre Beteiligung erwartete; und auch im Mittelalter haben die jüdischen Philosophen die griechischen Gottesbeweise gegen den Materialismus, die Einheitslehre Plotins gegen die Trinitat, die strenge Ethik Piatons gegen die Wertschätzung der Person Mohammeds zu verwerten gewußt. Scheitern mußte aber auch hier, so gut wie in Hellas und Rom, der Versuch, von der Metaphysik zur Religion zu gelangen; vergebens sucht insbesondere das Mittelalter die Kluft zu überbrücken zwischen dem „unbewegten Beweger" des Aristoteles, der sich durch Schau seiner selbst befriedigt und uns allenfalls in der Gesetzlichkeit und Zweckmäßigkeit des kosmischen Geschehens erfaßbar ist, und dem lebendigen Gott ihrer Väter, der sich in den Rätseln der Natur und deutlicher noch in der wunderbaren Fügung der Geschicke des einzelnen und der Völker offenbart. Die beiden Schwierigkeiten, die wir seither betrachtet haben, steigern sich nun aber dadurch, daß jener Universalismus und Rationalismus, wie die Hellenen ihn lehrten, weder in Rom noch in Israel zu Hause war, mit seiner Aufnahme also zugleich volksfremde Denkformen und Lebensgrundsätze ihren Einzug hielten. Die Auseinandersetzung zwischen dem Fremden und dem Eigenen mußte sich um so schwieriger gestalten, je mehr sich das Eigene bereits befestigt hatte: dies war im Judentum mit seiner geschlossenen religiösen Weltanschauung stärker der Fall als in Rom, aber nicht so sehr wie im mittelalterlichen Christentum. Denn das Judentum besaß im Altertum und selbst im Mittelalter keine anerkannte Dogmatik und keine mit ihrer Auslegung betraute Oberbehörde im Sinne des Katholizismus: rechtgläubig war, wer die Lebensordnungen der Gemeinschaft innehielt und grundsätzlich die Bibel als offenbart anerkannte; und nicht nur der religiöse Gehalt der Lebensordnung, sondern auch der Sinn des offenbarten Buchstabens ließ sich sehr verschieden auffassen. Eben diese Freiheit der Interpretation schuf aber eine schwere Gefahr für die Erhaltung der jüdischen Lebensanschauung. Sie ermöglichte es, bei voller „Orthodoxie" einen erheblichen Teil der biblischen Lehren durch griechische zu ersetzen, also unter den Engeln die Mittelkräfte des Neuplatonismus zu verstehen und die Deutung der Weltschöpfung als einer Weltbildung im hellenischen Sinne mindestens für zulässig zu halten. Und gefährlicher noch als diese Umbildung jüdischer Lehren war die Hellenisierung jüdischer Frömmigkeit, ja, jüdischen Wesens, die sich weniger bewußt, aber 48