Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Psychologie des Hassens
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 29 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Psychologie des Hassens Verhetztes Volk ist gepeitschtes Volk. Degradiertes Volk. Verfallsvolk. Der Edle läßt sich nicht peitschen. Er folgt nicht der Peitsche, sondern er wendet sich gegen den Hetzer. Und der Staat, der die Peitsche des Hetzers duldet, ist nicht der freieste Staat, sondern der unfreieste. Er verliert Volk und Führung. „So oft auch das Volk von ehrgeizigen Demagogen aufgepeitscht wird, es fällt doch immer wieder in die Hände der Aristokraten zurück", sagt Napoleon. Man beachte die Gegenüberstellung, die den untrüglichen Scharfblick des harten Menschenkenners zeigt: Das „Volk", das in seinen Affekten aufgepeitscht wird — und den „Aristokraten", der sich eben nicht aufpeitschen läßt, der nicht ins Affektfieber fällt, sondern dem „Demagogen" die eigene, kühle, realpolitisch-sachliche Auffassung entgegensetzt, die sich mit jeder neuen Einsicht wandelt und vertieft, nie aber durch Haßaffekte getrübt und verzerrt werden kann. Darin aber beruht das Geheimnis des Herrschens und Führens. Herrschen und Führen ist immer nur möglich auf Grund durchdringender objektiver, d. h. durch keinen Affekt geschwächter und entstellter Tatsachenerkenntnis. Die deutsche Sprache hat diesen Sachverhalt in einem Bilde ausgedrückt, das ihn plastischer veranschaulicht als alle psychologischen Analysen: die große Führerpersönlichkeit wird gesehen in dem Bilde des „eisernen Menschen". Der eiserne Mensch zuckt nicht unter Affektexplosionen. Gegen jede Anmaßung des Affekts, die Handlungen lenken wollen, ist er gepanzert, denn er ist unsentimental wie jede Führerpersönlichkeit. Mit eisernem Willen kämpft er gegen die Affektherrschaft in der Masse. Der Demagog darf nicht mehr wagen, die Peitsche der unredlichen Verhetzung zu schwingen. Das Denken des „eisernen Führers" gräbt sich mit aller Schärfe nackter Sachlichkeit in den Boden der Wirklichkeit — der deshalb auch der fruchtbare Boden aufbauender, praktischer und erntender Realpolitik werden muß. Eben deshalb aber setzt er alles daran, daß nicht blind machende Verhetzung das Volksdenken verstümmele, sondern: daß unbeirrbare Sachlichkeit durch alle Kanäle der Schule, der Presse, des Buches, des gesprochenen Wortes in das Volksdenken geleitet werde, um es zu klären und zu gesunden. 29