Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1932)
- Article
- Theologie und Politik
- Date
- 1932-02-01
- Page
- 506 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ignaz May bäum Fremden". (S. i54.) Die Geschichte ist Kampf und Vorlaufigkeit. Sie ist der Ort unserer Bewährung, aber sie hat keine Erlöserkraft. Das gilt natürlich auch für den politischen Gegner des Liberalismus, den Bekenner des Nationalismus. Kosmopolitismus und Nationalismus sind Brüder, geboren von derselben Mutter, der französischen Revolution. Seitdem sind diese Ideen Gemeingut Europas, nachdem sie schon vorher durch Denker, Dichter und Politiker, bis zurück auf Dante, vorbereitet worden waren. Aber die Gemeinsamkeit ist nicht nur geschichtlicher, sondern auch sachlicher Art. Die Nation ist ebensowenig Schöpfungsordnung wie all die Gemeinschaftsordnungen, die der Liberalismus zeichnet. „Nationalismus ist nicht etwa Verwurzelung, schöpfungsmäßiges Leben, sondern, wie der Kosmopolitismus, rationalistische Meisterung der Wirklichkeit. Der Nationalist steht im Grunde über dem Volk." (S. i34-) Dasselbe individualistische Verlangen, das den Liberalen Gemeinschaften konstruieren läßt, die von seinem ganz bestimmten Freiheitsbegriff allein ihre Legitimation erhalten, trifft auch für die Hingabe an die Nation zu. Die Nation ist gleichfalls menschliche Organisationsform, an der das autonome Individuum sich selbst erleben und sich selbst heroisieren kann. Die Bindung, auf welche der in der Nation Stehende hinweist, ist kein Widerspruch gegen das Freiheitsdogma des Liberalismus, denn diese Bindung fesselt das Individuum an einen selbstgewählten Wert. Bei Erfassung dieses Wertes sucht es das „Allgemeine, Freie, Schöpferische: den Menschengeist, der durch Überlegung oder Einfühlung seinen Herrschaftsbereich immer mehr erweitert, der keine Grenzen kennt, der daher auch Sach- und Gemütswerte in seine Dienste zwingt. Dieser Mensch geht in die Geschichte ein, um sich zu bereichern, und um aus seinem Wesen heraus neue Geschichte zu erzeugen". (S. 137.) Man ist hier nicht berechtigt, von jener Bindung zu reden, die den Menschen vor Gott als Geschöpf erscheinen läßt. Nation ist nicht Schöpfungsordnung, sondern die Ordnung, die das autonome Individuum schafft. Nation ist daher nicht gleichzusetzen mit Volk. „Die Nation ist . . . wesentlich Kulturnation." Diese treffende Definition Radbruchs in seiner „Kulturlehre des Sozialismus" zeigt, daß die Nation sich in bestimmten Kulturgütern des autonomen Geistes — in Kunst, Wissenschaft und Staatsleben — in bestimmten Kulturträgern — Professoren und Generälen, Dichtern und Herrschern — darstellt. Diese Einsicht widerlegt die weit verbreitetet Meinung, die die Nation als gegebenes Gemeinschafts f a k t u m ansieht und sie von den Gemeinschaftskonstruktionen des Liberalismus unterschieden sehen 506