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Der Morgen · 1932-02-01 · Heft 6 (Februar 1932) · p. 502

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Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 6 (Februar 1932)
Article
Die griechische Weltanschauungslehre bei Juden und Römern
Date
1932-02-01
Page
502 (sequence 15)
Language
German
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I. Heinemann kann, wenn er nach griechischer Weise die Bibel als mystische Urkunde liest, sodaß harmlose Erzählungen für ihn eine geheimnisvolle Tiefe, rituelle Übungen einen verborgenen Sinn gewinnen, so weiß er sich der großen Masse seiner Glaubensgenossen überlegen, die am Sinnenschein des Wortes hängt, wie ja auch am Sinnenschein der Welt. Ein solches Ineinandergehen des Hellenischen und des Eigenen ist in dieser Weise in Rom nicht möglich gewesen. Der Römer ist das Gefühl nie los geworden, dem Horaz den Ausdruck gab: das besiegte Griechenland hat den rohen Sieger unterworfen. Denn daß die hellenische Kultur von Hause aus unrömisch war, ließ sich nicht bestreiten; die Liebedienerei eines griechischen Grammatikers, der den Homer zum gebürtigen Römer machte, hat keinen Anklang gefunden. Dagegen sind zwar jene Fabeln, die einem Abraham die Erfindung des Pfluges, einem Moses womöglich die Begründung des ägyptischen Götterkultus zuschrieben, wohl der verdienten Vergessenheit anlieimgefallen; daß aber Pythagoras und Piaton bei Moses in die Schule gegangen seien, hat der hellenisierte Jude des Altertums und so mancher seiner jüdischen und christlichen Nachfolger bis in den Anfang der Neuzeit hinein geglaubt. Philon hat sich also, auch wo er sich bewußt war, aus griechischer Quelle zu schöpfen, mittelbar als Schüler des Moses fühlen können. Aber auch in Rom gelang es, das eigentümlich Partikulare nicht nur zu rechtfertigen, sondern auch gleichsam ins Universale einzuordnen, also die besondere Aufgabe des eigenen Volkes vom Standpunkte des Weltganzen aus zu sehen. Traun, andere mögen wohl mit weicherm Schmelze Ein atmend Kunstgebild aus Erz gestalten, Dem Marmor lebenswarme Züge geben Und besser reden vor Gericht und Volk, Mit ihrem Stab des Himmels Bahnen zeichnen Und künden, wie an ihm die Sterne ziehen; Du bist ein Römer; dies sei deine Kunst: Die Welt regiere, denn du bist ihr Herr; Dem Frieden gib Gesittung und Gesetz; Begnadige, die sich dir willig fügen, Und brich im Kriege der Rebellen Trutz. Mit diesen Worten hat Vergil in klarer Erkenntnis der Eigenart der Römer die Mission seines Volkes bezeichnet. Einen anderen Missionsgedanken 502

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