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Der Morgen · 1932-02-01 · Heft 6 (Februar 1932) · p. 492

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Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 6 (Februar 1932)
Article
Die griechische Weltanschauungslehre bei Juden und Römern
Date
1932-02-01
Page
492 (sequence 5)
Language
German
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I. Heinemann Auch in Griechenland hatte es an grundsätzlichem Lob für das Festhalten an der Vätersitte nicht gefehlt. Jene Relativierung der Völkersitten, die, wie wir wissen, Römern und Juden gefährlich wurde, ist bei den meisten griechischen Denkern nicht Selbstzweck; sie steht vielmehr nur im Dienste des Bestrebens, die Überlegenheit des ewigen Vernunftgesetzes über alle Schöpfungen zufälliger „Satzung" zu erweisen. Die kecke Freude am Revolutionären fehlt der griechischen Volksseele durchaus; das Wort für Neuerung, xatvozof.ua, hat einen unfreundlichen Klang. Volkstümliche Sprüche wie „die Vätersitte ist das Schönste" fanden bis in das philosophische Schrifttum hinein ihren Weg; gelegentlich rühmen sogar die Griechen die Orientalen wegen ihres Festhaltens an ihren altehrwürdigen Einrichtungen; namentlich die hellenistischen Juden haben an dieses Lob gern angeknüpft. Dazu kam aber, daß die hellenistische Wissenschaft den Unterschieden der Völker nachging, daß sie namentlich deren klimatische Wurzeln aufdeckte und sie daher als naturnotwendig, d. h. aber als naturgewollt begriff. So tadelnswert es danach erscheinen mochte, wenn ein Mensch seines Menschentums vergaß, so war es doch kaum minder widernatürlich, wenn man an den naturgewollten Unterschieden innerhalb der Menschheit vorbeiging. Zumal der große Panaitios, der Lehrer des jüngeren Scipio, hat mit Nachdruck betont, daß innerhalb der allgemeinen Menschenpflicht jedes Alter, jeder Stand, aber auch jedes Volk seine besonderen Pflichten hat; von hier aus hatte er das unwürdige Treiben der römischen „Griechenaffen" scharf verurteilt; und selbstverständlich hat Cicero in seiner römischen Pflichtenlehre, in welcher er sich an Panaitios anschließt, gerade diese individualistischen Züge stark unterstrichen. Aber auch ein Jude, der Verfasser des sogenannten vierten Makkabäerbuchs. beruft sich zur Rechtfertigung der Speisegesetze darauf, Gott werde uns wohl nur verboten haben, was unserer besonderen Eigenart zuwiderläuft. Und er fügt eine weitere, gleichfalls formale Begründung hinzu. Jeder muß seinem Gewissen gemäß handeln; das gebietet uns der Logismos, die Vernunft als sittliche Gesetzgeberin. Der Jude aber glaubt sich durch sein Gewissen zur Innehaltung der Speisegesetze verpflichtet. Wenn also die Makkabäer trotz aller Folterqualen ihrem Gesetze die Treue hielten, so gilt das unserm Verfasser als ein Beweis für den griechischen Satz, daß die Vernunft als die Stimme des Gewissens stärker ist denn alle Versuchungen. So sind die Fronten seltsam vertauscht: Antiochos, der Hellenist, der gegen Grundsätze mit Belohnungen und Strafandrohungen kämpft, erscheint hier als der Versucher zu unhellenischer 492

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