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Der Morgen · 1931-10-01 · Heft 4 (Oktober 1931) · p. 383

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 4 (Oktober 1931)
Article
[Nachricht] / M. K.
Date
1931-10-01
Page
383 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen ist ein Glauben jenseits von Urteil, jenseits von Vernunft und Besinnung, es ist besinnungslose Hingabe an die wundertätige Glaubenskraft, absurd im Inhalt, grandios in der Wirkung. Ein „ozeanisches Gefühl", wie Sigmund Freud sagen würde, der Dritte im Bunde derer, die durch den Geist zu heilen lehren. Sigmund Freud ist der dritte, bislang letzte schöpferische Träger des Gedankens der Heilung durch den Geist. Aber was bedeutet dieser Mann noch gegenüber seinem eigenen Werk? Er verschwindet. Still und einförmig ist sein Leben, sein Lebensbild ist in wenigen Sätzen gesagt. (Diese kurzen n Seiten von den 125 der Freud-Biographie sind in ihrer Stille das erregendst Gestaltete des Buches). Der Gedanke aber, der in und mit diesem Manne lebt, mit der lauteren Durchsichtigkeit seines Wollens, der Klarheit der Zielsetzung und der Hingabe des forscherischen Lebens, hat eine eigenwillige Entwicklung'. Verbunden dem Schicksal seines Trägers hat er sem eigenes Sckicksal; Hand in Hand gehen beide, keines vom anderen beherrscht, beides, Lebensdienst dieses Mannes und zwingende Entwicklung des Gedankens, fällt zusammen zu einem gestalteten Werke. Endlich erhält der Gedanke seinen Meister, endlich das meisterhafte Lebenswerk einen gemäßen Inhalt. Es ist bezeichnend, daß in den beiden ersten Biographien die Darstellung des persönlichen Schicksals größten Raum einnimmt gegenüber der Darstellung des Schicksals des Gedankens. Der Gedanke ist noch nicht geklärt, nicht abgelöst von der Wirrnis der Menschenwege. In der Lebensgeschichte Freuds nimmt das Persönliche kleinsten Raum in Anspruch; der Gedanke allein, zu voller Klarheit gereift, erfüllt dieses Leben, wie auch dieses Leben ihn erfüllt. Es ist nicht unsere Aufgabe, den Gedankenbau der Psychoanalyse hier darzustellen; er dürfte annähernd bekannt sein. Aber nicht so allgemein bekannt dürfte eine Bezeichnung sein, die die Psychoanalyse in Amerika hat: sie wird dort, im Gegensatz zur Christian Science, — Jewish Science genannt. Und zu dieser Auffassung haben wir in wenigen Worten Stellung zu nehmen. Zunächst: Es wäre falsch, sie einfach als böswillig anzunehmen. Sie ist scherzhaft gemeint, aber nicht bösartig. Und nun ist zu fragen, ob Ernst in diesem Scherz liegt. Nicht aus jüdischem Geiste allein ist das Werk Freuds geboren, sondern aus dem Geiste der Wissenschaft, aus dem Glauben an die Macht der Vernunft, an die Möglichkeit von Aufklärung, an die Bedeutung und Fassungskraft des Wortes. Dieser Geist echter Wissenschaf t ist freilich nicht im Widerspruch zum Geiste des Judentums. Das Judentum kennt kein credo quia absurdum, sondern sein Verhältnis zum Göttlichen ist das der Erkenntnis und der (religiösen) Gewißheit. Das Judentum anerkennt die Macht des Wissens ebenso sehr, wie es die Macht des Glaubens anerkennt. Die Freudsche Lösung entspricht dem jüdischen Geist, aber umfaßt nicht dessen Weite; aus jüdischem Geist allein ist sie nicht geboren. Es ist darum richtig, wenn nirgendwo in der Biographie Freuds im Vordergrund steht, daß Freud Jude ist. Bei einer Biographie des Gedankens ist es gleichgültig, welcher Nation, welchem Bekenntnis sein Träger angehört: Gedanken gehören immer der Menschheit. M.K. Hermann Wolf gang Beyer u. Hans Lietzmann: „Die jüdische Katakombe der Villa Torlonia in Rom". Mit n Textabbildungen und 3i Tafeln. [Studien zur spätantiken Kunstgeschichte. Im Auftrage des Deutschen Archäologischen Instituts herausgegeben von Hans Lietzmann und Gerhart Rodenwaldt. 4.] Verlag von Walter de Gruyter & Co., Berlin-Leipzig iq3o. Die ältesten jüdischen Begräbnisplätze auf europäischem Boden sind die unterirdischen Friedhöfe der Gemeinden in Italien, besonders in Rom. Erst in jüngster Zeit sind einige von ihnen methodisch durchforscht worden. Schon diese Arbeiten haben gezeigt, welche Bereicherung unser Wissen um ]"üdisches Leben in den ersten Jahrhunderten der Zerstreuung durch die Kenntnis von diesen Stätten erfährt. Die Katakombe am Monteverde zu Rom, durch Nikolaus Müller (nach seinem Tode durch Nikos A. Bees) mustergültig untersucht und dargestellt, hat ungeahnte Aufschlüsse über alles, was das Bestattungswesen der römischen Juden seit dem ersten Jahrhundert angeht, und mannigfache interessante Einblicke in die Gemeindeverhältnisse der Zeit gegeben. Die vorliegende Publikation über die Katakombe der Villa Torlonia 3S3

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