Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1931)
- Article
- Ernestine Eschelbacher
- Date
- 1931-10-01
- Page
- 368 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernestine Eschelbacher Zum Gedäditnis Anna Ein Leben, ein abgerundetes Ganze, harmonisch in seiner Form, dem Wesen seiner Trägerin gemäß, unendlich beglückend, leuchtend und voll Kraft, ist nun vollendet- Wer das Glück hatte, Ernestine Eschelbacher nahe zu stehen,— und alle standen ihr nahe, die einmal den Zauber ihrer bestrickenden Persönlichkeit erlebt haben, — weiß, welch ein Reichtum an mütterlicher, alles umfassender Liebe, welch eine Fülle von Wärme und strahlender Helligkeit untergegangen ist. Es ist bezeichnend für das Bild ihres Lebens, daß nicht das Maß ihrer Leistungen, nicht die Vielseitigkeit ihrer großen Kenntnisse, nicht die Fülle ihrer Wirksamkeit auf allen Gebieten der Liebestätigkeit und der gemeinnützigen Arbeit als ausschlaggebend bewertet werden, sondern überall die Anmut ihres Wesens, der köstliche Reiz ihrer Persönlichkeit, die Weisheit und Güte ihrer abgeklärten Lebensauffassung und die Unbedingtheit und Unabhängigkeit ihres Geistes, der in beglückendem Humor über den Dingen ruhig und sicher und zuversichtlich stand und dennoch immer beweglich, ewig jung, aufnahmebereit und anpassungsfähig sich bewährte. Als zwölfjähriges Kind bereits, in Bruchsal, wo sie bei nahen Verwandten lebte, nachdem ihre Mutter verstorben und der Vater mit i4 Kindern zurückgeblieben war, ging sie, — zunächst Lewy heimlich, weil es der Vater ihrer Jugend wegen nicht gern sah, — zu den Kranken, um ihnen vorzulesen. Solche persönlichen Liebesdienste Hilfsbedürftigen zu erweisen, hat sie bis zu ihrem Tode als ihre vornehmste Pflicht erachtet. Dabei empfand sie sich nie als die Gebende, sondern sie blieb die Nehmende; sie übte nicht Wohltätigkeit, sondern das Leid des Nebenmenschen war das ihre, ihr eignes Herz gesundete, wenn es das andre trösten durfte, ihre eigne Seele wurde heller, wenn sie Sonnenschein in Trübe und Dunkelheit tragen durfte. Was Wunder, daß man sie rief, rief, wo immer Not zu lindern, Rat zu spenden, Hilfe zu leisten warl Das Rabbinerhaus in Bruchsal, dessen Mittelpunkt sie neben ihrem Gatten, dem Rabbiner Dr. Joseph Eschelbacher, gewesen, umgeben von fünf blühenden Kindern, war eine Stätte geistiger Regsamkeit, edelster Gastlichkeit, betätigter Gläubigkeit und tiefen Glückes. Zur vollen Entfaltung ihrer geistigen und seelischen Fähigkeiten gelangte sie, als sich ihr in Berlin, wohin ihr Gatte 1900 'berufen wurde, das reichste Feld der Tätigkeit erschloß. Wir dürfen es aussprechen, daß keine gemeinnützige jüdische Organisation, kein jüdisches Hilfswerk, keine aufbauende Arbeit innerhalb des Berliner Judentums entstand, ohne daß man sie rief. Und doch 368