Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1931-10-01 · Heft 4 (Oktober 1931) · p. 353

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 4 (Oktober 1931)
Article
Negativismus?
Date
1931-10-01
Page
353 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895499-2895504-2901772--05343-2901849
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Negativismus? Gegensatz? Jeder Mensch ist unausweichlich eingebettet in das doppelte Schicksal, ein naturgebundenes Wesen zu sein und darüber hinaus ein gesellschaftlich-geschichtlich Werdender- Als naturgebundenes Wesen lebt er wie die übrige organische Welt in der Gegenwart, wobei das Wort Gegenwart auch bereits nur symbolisch verstanden werden darf. Denn Gegenwart ist schon eine Kategorie der Zeit. So aber lebt der Mensch nur in der statischen Gesetzmäßigkeit, im Räume. Daß er in der Zeit lebt, in der Geschichte, das einzig und allein macht ihn zum Menschen. Was aber bedeutet Zeit und Geschichte anderes als die dynamische Spannung des Auf-Zu von der Vergangenheit weg? Was bedeutet Zeit und Geschichte anders, als daß die Gegenwart nicht aus ihrem statischen Dasein, aus ihrer Räumlichkeit, sondern aus ihrem ständigen Überwundenwerden in der Richtung auf eine Zukunft hin ihren Sinn erhält? —> Es käme also danach für den, der bewußt geschichtlich lebt, vor allem darauf an, sich — in der Gegenwart lebend — doch gegen sie zu stellen, über sie hinauszustoßen auf das stets sich erneuernde Ziel hin. Offenbar ist hier die jüdische Wesenheit in ihrem Kern getroffen; und es wird hier klar, wie die beiden Züge, durch die man versucht, den Juden zu charakterisieren, und die scheinbar gar nichts miteinander zu tun haben — das geschichtliche Volk und die negativistische Haltung—aufs engste und notwendig miteinander verknüpft sind. Denn hier bekommt das jüdische Nein erst seinen Sinn, einen anderen als den der Ablehnung schlechthin. Es ist das Nein des steten Beunruhigtsems zur erstarrten Gegenwart, das nur verstanden wird aus einem Ja zur Zukunft. Es ist das Nein des Werdens und Fortschreitens gegenüber dem Da-Sein, es ist das fruchtbare Nein, das die Spannung jeder dynamischen Bewegung trägt, es ist das dialektische Nein, die notwendige Antithesis, die zur Synthesis fortreißen muß. Sieht man die Tendenz zum Nein-Sagen nicht in diesem ganz spezifischen Sinn, so liegt die Versuchung nahe, hier eine Analogie zur romantischen Haltung zu ziehen. Denn gerade für sie ist die negative Wertung der Gegenwart kennzeichnend. Und dennoch kommt das hier Gemeinte allem andern näher als gerade der Romantik. In ihr entspringt die Negation der Gegenwart einem Sich-Stemmen gegen die feindliche konkrete Realität. Es ist die Flucht vor Aktivität und Stellungnahme in eine „bessere" Vergangenheit, die Flucht vor Verwirklichung durch eine Glorifizierung des Gewesenen, in dem zwar alle Möglichkeiten vertan sind, aber als vergangene Möglichkeiten doch noch bestehen. 23 353

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.