Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Die geistigen Strömungen im Protestantismus Deutschlands
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 269 (sequence 16)
- Language
- German
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Die geistigen Strömungen im Protestantismus Deutschlands in Prag. Seit Jahrhunderten zum ersten Male wieder trafen sich hier die Vertreter fast aller christlichen Kirchen mit Ausnahme der römisch-katholischen. War äußere Not der erste Antrieb zum Zusammenschlüsse gewesen, so brachte unter dem Eindruck erlebter Gemeinsamkeit das Transzendenzprinzip zugleich eine zwingende Begründung für die Notwendigkeit solcher Zusammenarbeit: Die einzelnen Kirchen haben wohl ein Recht auf Wahrung ihrer Eigenart, aber eben nur, wenn und so weit sie sich in Christus eins wissen. Und die Aufgabe der Zukunft wird deshalb sein, diese Einheit in der Mannigfaltigkeit zur Darstellung zu bringen, ohne die Mannigfaltigkeit zu vernichten. Der Außenstehende, der am heutigen Protestantismus nur die Spaltungen und Gegensätze sieht, kann den Eindruck eines Niederganges haben, zumal wenn er den Verlust der politischen Macht bedenkt Der Drinnenstehende weiß um die Kräfte, die hier am Werke sind, und um die Einigkeit, die hier bei aller Gegensätzlichkeit herrscht. Vielleicht bringt aber schon die nahe Zukunft große äußere Veränderungen. Es scheint, daß das Christentum in der nächsten Zeit wieder um seinen äußeren Bestand wird kämpfen müssen. Nicht nur gegen die Gottlosenbewegung des Kommunismus, sondern auch und vor allem gegen die naturalistische Religion des Bürgertums. Die Gegensätze zwischen Faschismus und Kurie, sowie Ludendorffs scharf antichristlicher „Tannenbergbund" scheinen die ersten Vorpostengefechte zu sein. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß diese Lage zu einem stärkeren Zusammenschluß des Protestantismus und zu größerer Einheitlichkeit seiner Lebensäußerungen führen wird. Aber die Spannung zwischen Transzendenz- und Offenbarungsprinzip in seinem Schöße wird auch dadurch nicht aufgehoben werden. 269